Untersuchung: Erster Kodierdurchgang

Bei der ersten Kodierung wurde wie üblich in der 'grounded theory' laufend gefragt: Was ist das? Worum handelt es sich? Was repräsentiert das? Die Kodes wurden kommentiert und schliesslich zu Familien zusammengefasst. In diesem ersten Kodierdurchgang mit 30 Erzähltexten ergaben sich in offener Kodierweise 386 Kodes. Diese wurden 8 Kodefamilien zugeordet: Emotionen, Erlebnisse, Probleme und Lösungen, Narration, Eigenschaften von Figuren, Reaktionen, Selbstdarstellung und Gedanken/Erkenntnisse. Die Kodes wurden dann versuchsweise vernetzt und in Subkategorien eingeteilt, allerdings nur unvollständig, da sich eine weitere Verfeinerung und weitere Kodierdurchgänge vordrängten.

Der im ersten Durchgang verfolgte Ansatz des offenen Kodierens zeigte eindrücklich, dass ohne Fokussierung auf bestimmte Eigenschaften von Erzählungen eine grosse Menge an Kodes generiert werden. Um diese grosse Menge zu strukturieren, kann man Kategorien bilden, die aber wenig aussagekräftig im Hinblick auf die thematische Strukturierung oder das Erzählmuster der einzelnen Erzählung erscheinen. Die gebildeten Kodefamilien scheinen für weitere Kodierdurchläufe ein fokussierteres Vorgehen nahezulegen. Dies wird zum Beispiel von Kuckartz (1999) empfohlen.

Bei der Betrachtung der aus den Kodes gebildeten Kodefamilien fällt auf, dass sich gewisse Familien semantisch überschneiden. Andere sind für die inhaltliche Typologisierung unwesentlich, beispielsweise die Familie 'Narration'. Die Emotionen stellen als subjektive Bewertungen von Situationen und Ereignissen eine Schnittstelle zwischen der Situation, dem Problem, den Erlebnissen und den Reaktionen dar. Sie können sowohl auf eine Ausgangssituation, auf ein einzelnes Ereignis, ein Problem oder eine Lösung bezogen sein. Sie stellen also für sich genommen einen schwachen Anhaltspunkt für eine thematische Kodierung dar. Die Problemstellung, die Eigenschaften von Figuren und die Selbstdarstellung scheinen geeignetere Konzepte zu sein, um zentrale Themen von Geschichten zu beschreiben, ebenso die Erlebnisse. In den Erlebnissen spiegeln sich Ausgangssituation (Problem, Figuren, Selbstdarstellung), subjektive Einschätzung und Erleben der Situation (Emotion, Gedanken und Erkenntnisse) und Reaktion.

Um die semantischen Überschneidungen zwischen den Kodefamilien etwas aufzulösen, soll folgender Ansatz in einem zweiten Kodierdurchgang verfolgt werden: Die Kodefamilien werden zu drei Gruppen zusammengefasst (Abbildung 1).

Abbildung 1: Gruppierung der Kodefamilie in Situation, Positionierung und Entwicklung

Die Bildung der drei 'Meta-Familien' geschieht dabei in Anlehnung an theoretische Konzeptionen von verschiedenen Autoren:

Langenhove & Harré (1999) arbeiten mit einer ähnlichen Dreiteilung. Sie unterscheiden bei ihrer Analyse von Konversationen die Ebenen Position/Handlung/Geschichte (postition/act-action/storyline). Sie verstehen die Position als Konglomerat von Rechten, Pflichten und Verpflichtungen des Sprechens im Hinblick auf soziale Festlegungen in der Kommunikation (was, wann, von wem gesagt werden kann/darf/soll). Diese 'moralischen' Eigenschaften der Position sind laut den Autoren lokal und zeitgeschichtlich unterschiedlich ausgeprägt und unterliegen einem steten Wandel. Handlung (act-action) verstehen Langenhove & Harré als sprachliche oder parasprachliche Handlungen, deren soziale Wirkung durch die Positionierung des Sprechers und die erzählte Geschichte (bzw. 'lived narrative') beeinflusst wird (S.17f).

In der Literatur finden sich auch andere Hinweise darauf, dass Alltagserzählungen von einer Anfangssituation ('Situierung' bei Brinker, 1996) ausgehen, einem Setting (Rumelhart, 1975; Thorndyke, 1977), einer Orientierung (Labov & Valetzky, 1973) oder einem Ist-Zustand, der einen Erwartunghorizont eröffnet (Boothe, 2000).
Die Positionierung wird ebenso besprochen, mal erscheint sie als Evaluation (bei Labov & Valetzky, 1973) mal als Moral (Van Dijk, 1973). Bei Brinker erscheint die Positionierung als Resumee (1996). Das Konzept der Positionierung wir in der Soziologie und Psychologie als 'Nachfolgemodell' des Rollenmodells diskutiert (Van Langenhove & Harré, 1999). Das allgemeine Konzept der Positionierung ist bei Keupp et al. (1999) und bei Harré & van Langenhoeve (1999) genauer beschrieben.
Die Entwicklung schliesslich ist wahrscheinlich die offenste Kategorie in diesem Dreiergespann. Bei Rumelhart und bei Thorndyke erscheint sie als Episode(n) und als Plot/Resolution (1975, 1977). Todorov spricht von Übergängen von einem Gleichgewicht in ein nächstes und von alternativen Elementen, die den Verlauf und die charakteristischen Eigenschaften von Erzählstrukturen bestimmen (1972). Labov & Valetzky sprechen von der Komplikation und der Resolution (1972), Bal spricht von der Fabel (1996). Bei Brinker erscheint der Teil der Repräsentation als Beschreibung der Entwicklung einer Geschichte (1996). Mir scheint es angebracht, angesichts der Vielfalt der vorliegenden Geschichten, diese Kategorie bewusst offen zu konzipieren. Denn nicht jeder Erzähler hat zur Komplikation auch eine Auflösung parat. 'Runde' abgeschlossene Geschichten können nicht erwartet werden. Dennoch liegt im inneren einer Erzählung zumindest (siehe auch Operationalisierung von 'Erzählung' nach dem JAKOB-Manual von Boothe, 2000) eine Entwicklung vor. Ob die Entwicklung in sich abgeschlossen ist, ist unwesentlich, meine ich. Es wird sich im zweiten Kodierdurchgang zeigen, inwiefern das zutreffen könnte.

Die Situation als Konzept soll die Ausgangslage, die Problemstellung und die Konstellation der Figuren beschreiben. Die Positionierung beschreibt sodann die Art und Weise, in welcher die Hauptfigur (meist der Ich-Erzähler) in der Situation gegeüber den anderen Figuren positioniert ist. Die Entwicklung beschreibt die Ereignisse, Reaktionen, Gedanken und Erkennntisse, die sich aus der Ausgangssituation im Laufe der Geschichte ergeben. Aus diesen drei Komponenten einer Geschichte soll dann versucht werden, eine eigentliche Typologie zu erstellen. Ein fiktives Beispiel einer solchen 'Konstellation' ist in Abbildung 2 ersichtlich.

Abbildung 2: Fiktives Beispiel einer Konstellation von Situation, Positionierung und
Entwicklung ('Rehabilitationsgeschichte' als 'Story-Typus')

weiter

Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser