Als erstes stellt sich die Frage, ob eine Klassifizierung, eine Ordnung oder Typologisierung von Alltags-Erzählungen anhand von typischen Erzählmustern möglich ist. Diese Typologisierung könnte anhand von inhaltlichen und/oder strukturellen Merkmalen geschehen. Ein Erzählmuster ist eine typische Konstellation von Merkmalen einer Erzählung. Eine solche Konstellation kann sowohl inhaltliche als auch grammatikalische Merkmale verbinden.
Eine Typologie von Erzählmustern wäre im Hinblick auf weitere klinische
Untersuchungen interessant. Zum Beispiel könnte man nach der Verteilung
von solchen Mustern über verschiedene Störungsgruppen fragen. Erzählen
depressive Klienten anders als solceh mit einer Angststörung? Oder man
könnte den Verlauf einer Psychotherapie anhand der Verteilung von Erzähl-Mustern
über die Zeit untersuchen. Treten zu Beginn einer Therapie bestimmte Erzählmuster
häufiger auf als andere?
Dabei scheint es - unter anderem im Hinblick auf die klinische Relevanz der
Untersuchung - sinnvoller, eine Typologie nach inhaltlich-thematischen Kriterien
zu versuchen, wie es zum Beispiel Ehlich (1980) anhand von Gesprächen in
der Sozialberatung von Immigranten vorschlägt.
Es soll also den folgenden Fragen in einer qualitativen Untersuchung nachgegangen
werden:
(1) Wie könnten typische Erzählmuster, welche sich in den Erzählungen
von Patienten in der Psychotherapie verwirklichen, beschrieben werden?
(2) Welche typischen thematischen Erzählmuster liegen vor? Wie könnten
die am Institut vorliegenden und transkribierten Erzählungen geordnet werden?
Dazu möchte ich in einem zweiten Schritt fragen, ob sich diese Erzählmuster - sollten sie denn wirklich vorhanden sein - auf ihre strukturellen Merkmale hin vergleichen lassen. Bei diesen zusätzlichen Fragen liegt also der Fokus eher auf 'strukturell-grammatikalischen' Aspekten von Erzählungen. Lassen sich diesen typischen thematischen Erzählmustern prototypische Erzählabläufe zuordnen?
Schliesslich sollen die Ergebnisse im Zusammenhang mit der psychoanalytischen Erzählanalyse JAKOB (Boothe, 2000) besprochen werden. Welche Anregungen ergeben sich für weitere Untersuchungen daraus?
Bei den vorliegenden Daten handelt es sich um Erzähltexte aus Transkripten von psychotherapeutischen Gesprächen. Die Gespräche wurden an der Praxisstelle der Abteilung Klinische Psychologie I des psychologischen Instituts der Universität Zürich geführt und aufgezeichnet. Danach wurden sie transkribiert und die Erzählungen nach der Methode von Boothe (2000) 'extrahiert'. Die 'Extraktion' der Erzählungen, d.h. welche Textstellen in den Transkripten als Erzählungen betrachtet werden, konnte mit einigermassen guten Interrater-Reliabilitäten operationalisiert werden (Kunz, 2000). Dennoch ist die Operationalisierung der Erzähltexte ein Problem. Und damit auch deren zuverlässige Extraktion aus Gesprächstranskripten. In dieser Untersuchung soll aber nicht weiter auf diese Schwierigkeiten eingegangen werden. Es wird mit dem vorhandenen Material gearbeitet, gleichgültig ob die Extraktion nach einheitlichen Masstäben erfolgte oder nicht. Dies im Bewusstsein darüber, dass die Ergebnisse mit der nötigen Vorsicht zu interpretieren und zu bewerten sind.
Die Erzähltexte von 15 ErzählerInnen liegen anonymisiert vor, insgesamt sind es 347 Erzählungen aus dem Archiv des Instituts klinische Psychologie I. Die Erzählungen sind als Text-Dateien gespeichert. Es sind keine nonverbalen Informationen transkribiert worden und es sind ausser dem Geschlecht der ErzählerInnen keine weiteren Informationen erhältlich. Laut den Pseudonymen sind acht der ErzählerInnen weiblich, sieben sind männlich. Die Frauen haben insgesamt 237 Erzählungen (68%), die Männer 110 Erzählungen (32%) dargeboten.
Möglichst alle zur Zeit an der Abteilung klinische Psychologie I in transkribierter Form vorliegenden 347 Erzählungen aus psychotherapeutischen Gesprächen sollen untersucht werden. Da die Fragestellung auf die Suche nach einer Typologie oder Theorie des Erzählverlaufs von Erzählungen in der Psychotherapie ausgerichtet ist, scheint die Methode des offenen bzw. freien Kodierens (Strauss, 1991; Strauss & Corbin, 1996) eine gute Wahl.
Die Methode wird auch 'Methode des ständigen Vergleichens (Strauss & Corbin, 1996, S. 44)' genannt, obschon die Erfinder sie 'grounded theory' nennen. Um den Umgang mit grossen Datenmengen zu erleichtern, wurde ein Computerprogramm entwickelt, welches hier eingesetzt werden soll. Dieses Programm unterstützt das freie als auch das gebundene Kodieren (nach Strauss & Corbin, 1996) und auch die weiteren Schritte der qualitativen Auswertung verbaler Daten (Hoffmeyer-Zlotnik, 1992). Die Analyse stützt sich somit auf grundlegende Methoden qualitativer Forschung (Ahlers, 1994; Brinker, 1997; Flick, 1995; Heinemann, 1997).
In einem ersten Durchgang sollen 30 Erzählungen - pro Erzähler je zwei zufällig ausgewählte Erzählungen - kodiert werden, bis keine neuen Kodes oder Kategorien mehr möglich scheinen. Eine erste Kodierung des Datenmaterials in Atlas-ti soll weitere Kodierschritte ermöglichen und erleichtern. Kode-Familien und Kode-Netze können zur Übersicht und weiteren theoretischen Konzeptualisierungen gebildet werden.
Dann werden wieder 30 Erzählungen auf die selbe Weise zufällig ermittelt
und kodiert. Tritt ein neuer Kode in der Erzählung x auf, werden eventuell
alle Erzählungen von 1 bis x noch mal Kodiert. Es kommen dann die nächsten
30 hinzu etc. Wenn ein Erzähler zum Beispiel nur 4 Erzählungen geliefert
hat, dann fällt die hinzukommende Menge entsprechend geringer aus. Wenn
bei einem vierten oder fünften Durchgang keine neuen Kodes mehr nötig
scheinen, kann dazu übergegangen werden, die verbleibenden Erzählungen
mit den bis dahin entwickelten Kodes zu kodieren, ohne bewusst weiter auf mögliche
neue Kodes hin zu arbeiten.
Wenn alle Erzählungen kodiert vorliegen folgen weitere Schritte der Analyse
bzw. Theoriebildung (Strauss & Corbin, 1996).
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |