Eine Alltags-Erzählung hat zunächst einmal den Charakter einer Mitteilung.
Sie möchte den oder die Zuhörerinnen dazu bewegen, sich in einen virtuellen
Erzählraum zu begeben. "Ob aus einer Erzählung eine Geschichte
wird, hängt davon ab, ob es mir gelingt, die Zuhörer in ihren poetischen
Raum einzuführen" schreibt Hamburger (1998, S.234). Eine solche Erzählung
erfüllt auch kommunikative Funktionen, wie Selbstdarstellung des Erzählers,
Überzeugung oder etwa Verführung des Zuhörers. Laut Bruner und
Lucarella (1989) dient das Narrativ im Alltag auch der Verarbeitung von 'troubles',
d.h. Störungen von erwartbaren Ereignisabläufen. "Das Narrativ
ist ein Mittel, die Folgen von Problemen zu beschreiben, zu erforschen, vorzubeugen,
auszubrüten, auszugleichen oder nachzuerzählen" (zitiert nach
Hamburger, S.247).
Das Erzählen im Alltag dürfte sich auch je nach Kontext etwas anders
gestalten. So sind - so ist es zu erwarten - Erzählungen im Freundes- und
Bekanntenkreis nicht identisch mit Erzählungen in institutionellen Settings,
wie Praxen und Beratungsstellen. Bei den Erzählungen im institutionellen
Kontext muss berücksichtigt werden, dass ein bestimmtes, professionelles
Verhältnis zwischen der ZuhörerIn und der ErzählerIn besteht.
Die Erzählung in der Psychotherapie ist also im Grunde genommen eine Stegreif-
oder Alltagserzählung (Ehlich, 1980;Stempel, 1986), aber mit dem Unterschied,
dass sie in einem speziellen Kontext erfolgt und dem Zuhörer gewisse Attribute
wie Professionalität, Verpflichtung zum Schweigen über das Gehörte
etc. zugeordnet werden. Dieser Kontext muss bei einer Erforschung dieser Erzählungen
berücksichtigt werden (Wiedemann, 1986; Boothe, 1994, 1999; Gülich,
1991). Erzählungen in der Psychotherapie sind spezielle Erzählungen,
laut Wiedemann:
"...Geschichten befassen sich nicht mit irgendwelchen Ereignissen, sondern mit aussergewöhnlichen. Diese machen die Coping-Strategien und Handlungskapazitäten des Patienten sichtbar. (...stories are not concerned with just any events but with those which are out of the ordinary, allowing the patient's coping strategies and his action-capacities to emerge (1986, S.48), Übers. d. Verf.)."
Erzählungen von Patienten im institutionellen Setting der Psychotherapie sind schon seit den Anfängen der 'talking cure' Gegenstand von Untersuchungen, vor allem in der Psychoanalyse. Die Psychoanalyse interessierte sich von Beginn weg für Traumerzählungen und Erzählungen im Lauf des 'freien Assoziierens'. So hat Freud seine Patienten ausdrücklich dazu aufgefordert zu erzählen. Durch das Aufdecken von Lücken und Brüchen in der Erzählung soll es durch psychoanalytisches Interpretieren und Deuten im Verlauf der Therapie möglich werden, verdrängten Affekten, unbewussten Wünschen und Ängsten auf die Spur kommen. Oft ist dabei aber der genaue Hergang der methodischen Anwendung und der Theoriebildung nicht mehr nachvollziehbar, da die originalen Daten nicht vorliegen. Ein Beispiel dafür wären die 'Bruchstücke einer Hysterie-Analyse' von Freud (1993).
Erst in neuerer Zeit sind technische Möglichkeiten entstanden, längere
Gespräche aufzuzeichnen, zu transkribieren und eine grosse Datenmenge auszuwerten.
Parallel zur technischen Entwicklung fand auch die Entwicklung von verfeinerten
Analyseverfahren statt, sodass man heute mit einer ganz anderen Ausgangslage
die Erzählungen von Patienten in der Psychotherapie erkunden kann als noch
vor 100 Jahren (Boothe, 1994, 2000; Eisenmann, 1995). Die Frage nach der Beschreibung
und Analyse von Erzählungen in der Psychotherapie stellt sich aus pragmatischen
Gründen nach wie vor. Sei es zur Erstellung einer Erzähl-Systematik
oder zur Verwendung von Strukturmerkmalen von Erzählungen in der Psychotherapieforschung
(Gülich & Hausendorf, 2000; Boothe, 1994).
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |