Erzähl-Typologien

Schon Aristoteles hat Erzählkategorien vorgeschlagen, seither ist in der Dramaturgie und in den Literaturwissenschaften versucht worden, Erzählungen allgemeinen Kategorien oder Typen zuzuordnen. Eine Erzähl-Typologie - etwa aufgrund von Merkmalen von Erzählabläufen oder Eigenschaften des 'plots' - würde es erlauben, alle Erzählungen auf eine 'fundamentale' Gruppe von Erzähltypen zurückzuführen.

Wie Kenneth Gergen (1995) darstellt, wurde einer der in Amerika meistbeachteten Vorschläge des 20ten Jahrhunderts von Northrup Frye 1957 vorgeschlagen. Frye war der Ansicht, dass es vier grundlegende Formen von Narrativen gibt. Jede davon soll in der menschlichen Erfahrung der Natur und im speziellen mit den Jahreszeiten begründet sein. Die Erfahrung der erwachenden Natur, dem Frühling soll Anlass geben zu Komödien. Die klassische, traditionelle Komödie beinhaltet typischerweise eine Herausforderung oder Bedrohung, die überwunden wird, um die soziale Harmonie wiederherzustellen. Eine Komödie muss demnach nicht humorvoll sein, wenn auch ihr Ende ein frohes ist. Die Romanze ist der Freiheit und Ruhe des Sommers nachempfunden. Diese dramatische Form besteht aus einer Serie von Episoden, in denen die Hauptfigur herausgefordert oder bedroht wird und aus der sie schliesslich siegreich hervorgeht. Die Romanze muss nicht mit dem Begehren zwischen zwei Menschen befasst sein, in ihrem harmonischen Ende gleicht sie der Komödie. Die Tragödie gehört zum Herbst, wo das Leben des Sommers mit dem drohenden Tod des kommenden Winters sich kontrastieren. Im Winter dann, so postuliert Frye, ist die Satire die angepasste Form des dramatischen Ausdrucks, indem unerfüllte Erwartungen und verworfene Träume bewusst werden. Im Gegensatz zu dieser von Frye postulierten Gruppe von grundlegenden dramatischen Formen schlägt Campbell (1956) vor, einen einzigen Typen, den 'Monomyth' zu beschreiben, der im Unbewussten fusst. Allgemein ausgedrückt, befasst sich der Monomyth mit einem Helden, dem es gelang, persönliche und historische Einschränkungen zu überwinden, um ein transzendierendes Verständnis des Mensch-Seins zu erlangen.

Andere Autoren schlagen einen anderen, weniger 'transzendenten' Weg ein. Todorov etwa ist im Gegensatz zu solchen 'mystischen' Standpunkten der Meinung:
"Wenn wir eine Typologie der Erzählung aufstellen wollen, müssen wir uns auf den Boden der alternativen Elemente stellen, denn weder die obligatorischen Aussagen, die immer vorkommen müssen, noch die fakultativen, die immer vorkommen können, werden uns dazu helfen. Die Typologie könnte sich andererseits auf rein syntagmatische Kriterien gründen: wir sagten oben, dass die Erzählung in dem Übergang von einem Gleichgewicht zu einem anderen besteht; eine Erzählung kann aber auch nur aus einem Teil dieses Wegs bestehen. So kann lediglich der Übergang vom Gleichgewicht zur Störung oder umgekehrt beschrieben sein (Todorov, 1972, S. 124)."

Am Beispiel des 'Dekameron' erläutert Todorov seine Erzähl-Theorie. In dieser Erzählsammlung erscheinen seiner Meinung nach nur zwei verschiedene Typen von Erzählungen: die 'vermiedene Bestrafung' und die 'Bekehrung'.

Kenneth Gergen (1988, 1995) ist der Ansicht, dass bislang alle Versuche, prototypische Plotstrukturen ausfindig zu machen, unbefriedigende Ergebnisse lieferten. Er ist der Meinung, dass sich die Erzählstrukturen wandeln wie die Mode. Potentiell könne jedes Thema, das einen inneren Wert für den Erzähler darstellt, zum Gegenstand einer Erzählung gemacht werden und daher müsse die Anzahl möglicher Erzählformen unendlich sein. Die Auswahl und Ordnung der Ereignisse, die zum Ende (und somit zum 'wertvollen' Ergebnis für den Erzähler) führen, könnten nach Gergen auf zwei Dimensionen, in einem zweidimensionalen, evaluativen Raum, dargestellt werden. Aus dieser Darstellung erfolgen drei prototypische Verlaufsformen von Erzählungen.

Die erste Verlaufsform entwickelt sich laut Gergen vom Ausgangspunkt her in die (evaluativ) positive Richtung auf den Endpunkt hin. Diese Form entspricht der Erzählung einer durchwegs positiven Entwicklung des Protagonisten ("Ich lernte, meine Scheu zu überwinden und wurde offen gegenüber anderen Menschen"). Eine weitere Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt in die negative Richtung und entspricht somit einer Erzählung einer Katastrophe ("Ich konnte die Ereignisse in meinem Leben nicht mehr kontrollieren"). Die dritte mögliche Grundform verläuft stabil in Richtung auf den Zielzustand hin, ist evaluativ neutral ("das Leben geht weiter"). Gergen nennt diese drei Formen 'progressiv', 'regressiv' und 'stabil'. Daraus liessen sich alle (potentiell unendlich viele) Formen von Erzählverläufen im Hinblick auf die - grundlegende - evaluative Funktion von Erzählungen beschreiben. Eine Heldengeschichte wäre somit eine Abfolge von regressiv-progressiven Episoden. Eine Tragödie wäre der rasche Fall eines Protagonisten, der zuvor eine hohe Position innehatte (eine progressive Phase, gefolgt von einer extremen regressiven Phase). Die komödiantisch-romantische Erzählung besteht somit aus einer regressiven Phase, gefolgt von einer progressiven. Die erzählten Umstände werden zunehmend problematisch, um nach einer glücklichen Wende zu einem erfreulichen Ende zu kommen.

Diese Konzeptualisierung von Erzählverläufen wurde in ähnlicher Weise von Boothe (2000) aufgenommen. Ausgehend von einer Dreiteilung der Erzählung in Startdynamik, Entwicklungsdynamik und Ergebnisformulierung ergeben sich theoretisch neun prototypische Verlaufsmuster: Klimax, Antiklimax, Wiederherstellung nach Desintegration, Wiederherstellung nach Klimax, Approbation, Frustration, Chance, Antichance, unerklärliche Wendung. Eine solche Kategorisierung von Erzählverläufen führt aber bei der Arbeit mit Erzähltexten zu Schwierigkeiten. Boothe (2000, S. 106) schreibt: "Wir haben (...) die Erfahrung gemacht, dass die Zuordung von vorliegendem Erzählmaterial zu den spezifischen Mustern zu komplex ist, um regulär durchführbar zu sein. Wir greifen auf die einzelnen ausformulierten Geschichtenmuster nur dann zurück, wenn sich das bei einer Erzählung zwanglos und sinnfällig ergibt."

Gergen (1995) weist darauf hin, dass sich postmoderne Erzählungen häufig auf mehrere Endpunkte hin bewegen und sich unter anderem auch deshalb schlecht mittels eines solchen zweidimensionalen evaluativen Raumes beschreiben lassen. Auch die Grundannahme einer evaluativen Funktion der Erzählung und die Suche nach einem (sinnvollen) Endpunkt bleibt bei genauerer Betrachtung fragwürdig. Die Erzählung ist in hohem Masse kulturell und sozial bedingt. Sie erfüllt soziale Funktionen, nicht zuletzt solche der Identitätsbildung. Der evaluative Wert einer Erzählung ist abhängig von der Art der Zielsetzung (z.B. Gewinn), von einzelnen Individuen (z.B. dem Helden im Gegensatz zur Gemeinschaft) und von Modi der Beschreibung (z.B. der Welt der materiellen Güter im Gegensatz zur Welt des Spirituellen). Diese Abhängigkeiten sind in hohem Masse kulturell bedingt. Die Erzählungen selbst wiederum institutionalisieren solche Werte und Wertmassstäbe. Sie stellen nicht nur konversationelle Realitäten her, sondern konstituieren auch kulturelle Traditionen.

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser