Ethnografische Erzählanalyse und qualitative Textlinguistik

Diese analytische Schule hat ihre Wurzeln in der Soziologie, bzw. der Ethnografie. Ihre Begründer sind George Herbert Mead, Erving Goffman, Harold Garfinkel und andere. Goffmanns 'Rahmenanalyse' stellt einen Ursprung dieser methodologischen Ausrichtung in den Sozialwissenschaften dar.

Kallmeyer und Schütze (1976) haben für den deutschen Sprachraum wesentlichen Einfluss zur Verbreitung dieser Methodik gehabt. Sprachliches Material aus alltäglichen Gesprächen und Interviews kann auf verschiedenen Ebenen analsyiert werden.

1. Formale Strukturen (Sprecherwechsel, Korrekturen, Nachfragen usw.)
2. elementare Aktivitäten, die erforderlich sind, um gelingende Kommunikationsabläufe zu organisieren (Kooperativität, Verstehen/Verständlichkeit usw.)
3. Strukturen sozialen Handelns, also Funktionen des Sprachgebrauchs in Beziehung auf aussersprachliche Handlungszusammenhänge
4. Bedeutungsproduktion und Interpretation in sprachlichen Interaktionen ('kognitive Soziologie').

Zentral bei diesen Ansätzen scheinen mir die 'Positionierungen' von Erzähler und Hörer zu sein. Wo steht der Erzähler kulturell, individuell, gegenüber dem Hörer? Wie positioniert er sich in der Geschichte gegenüber den Figuren der Geschichte?

Mittels der 'funktional-pragmatischen Diskursanalyse' wird untersucht, worin die Besonderheiten des Diskurses im sozialen Kontext bestehen. Dabei orientieren sich die Forscher bei der Analyse von sprachlichen Verwirklichungen an einer handlungstheoretischen Pragmatik. Das Konzept des 'Sprechakts' ist dabei zentral.

In der Extremform sind die Interaktionisten der Ansicht, dass so etwas wie Gedächnis an und für sich erst im sozialen Kontext existiere, ohne einen solchen Kontext sei es nicht existent. Interaktionistische Konzeptionen von Erzählungen schliessen auch hörerseitige Prozesse ein, eine Erzählung wird zu einem sozialen Ereignis zwischen dem Erzähler und dem Hörer (Rehbein, 1980).

Rehbein (1980) postuliert elementare gesellschaftliche Grundstrukturen, in denen Wissen über Handlungen organisiert wird, also eine Art kollektiver Handlungsmuster. Diese nimmt er zur Grundlage für eine Typologie von Geschichten. Er unterscheidet in (1) die Leidensgeschichte, (2) die Sieges- bzw. Glücksgeschichte sowie (3) Geschichten 'merkwürdiger Begebenheiten'.

Die Leidensgeschichte dient dazu, den Erzähler als 'unschuldiges Opfer' darzustellen, das leidet. Rehbein geht davon aus, dass der Erzähler in der Realität, welche die Geschichte abbilden soll, zu Recht verfolgt wurde und dass dieser in der Erzählung versucht, die Ereignisse so umzuwerten, dass er als zu Unrecht Verfolgter erscheint. Man muss in diesem Zusammenhang allerdings klarstellen, dass Ehlich Geschichten von Immigranten in der Sozialberatung, also einem institutionellen Setting, untersuchte. Dies führte wohl zu dieser speziellen Konzeption von Leidens- (besser wäre wohl 'Verfolgungs-') Geschichte.
Laut Rehbein haben die drei Formen von Geschichten die folgenden Strukturen:

Leidensgeschichte
(1) Der Aktant verhält sich 'normal'
(2) durch die Normalität seines Handelns wird er Gegenstand einer Offensivhandlung mit einem gegnerischen Aktanten, dem Offender, er selbst wird Opfer (Konstellation)_
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel;
(4) durch (3) verstrickt er sich tiefer in die Geschichte;
(5) dem Aktanten wird klar, dass er aufgrund einer Konstellation Opfer geworden ist (=Skandalon);
(6) das Andauern der Konstellation erzeugt Hilflosigkeit beim Aktanten;
(7) der Aktant sucht Hilfe bei einem Kooperanten.

Siegesgeschichte
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts, Verstrickung auf höherer Ebene);
(4) Durch eine Idee (einen Einfall, eine List, einen Trick, eine Taktik usw. oder einfach eine Handlung oder ein Ereignis) bringt der Aktant eine überraschende Wende in die zwangsläufige, gegen ihn gerichtete Entwicklung der Konstellation (Überraschung);
(5) positive Folgen für den Aktanten;
(6) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein bestimmtes Ereignis/eine Handlung/ ein Einfall usw. unter den geschilderten Umständen einen positiven Effekt herbeiführen kann.

Bewältigungsgeschichte
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts);
(4) Er bringt sich damit in eine Situation, in der er handlungsfähig ist;
(5) Durch einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zwischen den beiden am Geschehen Beteiligten wird eine Wende in die zwangsläufige, gegen den Aktanten gerichtete Entwicklung der Konstellation gebracht;
(6) die Handlungsfähigkeit des Aktanten ist restituiert;
(7) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein Aushandlungsprozess unter den geschilderten Umständen die negative Entwicklung aufhalten sowei die Handlungsfähigkeit wiederherstellen kann.

Eine ähnliche, inhaltlich-formale Typologisierung könnte geeignet sein für eine Typologisierung der Alltagserzählungen in der Psychotherapie. Eine ähnliche Typologie könnte zum Beispiel 'Leidensgeschichten' in der Psychotherapie beschreiben. Da es sich jedoch bei den Erzählungen aus der Psychotherapie um eine andere Datengrundlage handelt - Rehbein hat seine Erzählungen aus Gesprächen an einer sozialen Beratungsstelle für Einwanderer - dürften die Erzählmuster etwas anders ausfallen.

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser