Kenneth Burke postulierte 1945 in seiner 'Grammar of Motives' - wie schon erwähnt - die 'Pentade des Narrativs' als Grundlage seiner von ihm benannten Theorie des 'Dramatismus' ('the five key terms of dramatism', siehe Seite xxii, California edition, 1969). Die Pentade besteht aus Akt, Szene, Aktor, Instrument, Ziel/Intention (act, scene, agent, agency, purpose; S.15).
Der Akt benennt was stattgefunden hat - gedanklich oder tatsächlich. Die
Szene beschreibt den situativen Hintergrund des Aktes. Dazu muss - um ein vollständiges
Motiv zu erstellen - ersichtlich sein, wer den Akt vollbringt, welche Instrumente
oder Mittel er dafür verwendet und wozu das ganze stattfindet.
Man kann also fragen: Was wurde getan (act), wann oder wo wurde es getan (scene),
wer tat es (agent), wie tat er es (agency) und warum (purpose). Dabei kann unter
Agent auch ein beliebiger persönlicher motivaltionaler Wert wie 'Idee',
'Wille', 'Intuition' usw. stehen. Streit kann ein Instrument oder ein Ziel sein,
für eine beteiligte Person ist es eine Szene. Die dramatistische Analyse
Burkes zielt auf die motivationalen Aspekte eines Geschehens. Diese sind aber
nicht immer eindeutig festzumachen und bleibt letztlich eine Frage des weltanschaulichen
Standpunktes (S.21).
Der dramaturgische Begriff der Inszenierung wurde auch auf alltägliche Erzählungen angewandt. Die Vorstellung einer virtuellen Bühne, auf der ein dramatisches Geschehen vom Erzähler inszeniert wird steht dabei im Mittelpunkt der theoretischen Überlegungen. Mithilfe der 'Deixis am Phantasma' dem sprachlichen Zeigen im virtuellen Raum führt der Erzähler seinen Hörer durch die Inszenierung seines Dramas. In diesem Verständnis von Erzählvorgängen geht es um die Aufgaben sowohl des Erzählers als auch derjenigen des Hörers. Der Erzähler muss eine Versetzung in das Phantasma schaffen, dorthin muss - vereinfacht gesagt - der Hörer folgen können (Flader & Giesecke, 1980, S.214f).
Boothe (2000) entwirft eine psychoanalytisch-dramaturgische Analysemethode für Erzählungen. Zentral ist dabei die Formulierung einer Spielregel, die zu Beginn einer Erzählung deren Erwartungs-Horizont zwischen optimaler (SOLL) und katastrophaler (ANTI-SOLL) Entwicklung des Themas aufspannt. Die Spielregel beinhaltet eine gewisse Verpflichtung an den Erzähler, den selbst gesetzten Erwartungen gerecht zu werden. Sie gibt dem Hörer eine Orientierung darüber, worum es in der Geschichte geht, für welche Not- oder Konfliktlage er Interesse und emotionales Engagement aufbringen soll (vergleiche Wilensky, 1983). Diese Startdynamik legt das dramaturgische Potential der Erzählung fest, welches sichtbar am Ausgang der Erzählung (SEIN) ausgeschöpft wird. Aus der Spielregel und dem Erzählausgang ergeben sich zusammen mit Verlaufsmerkmalen wie dem Akteurschicksal die Struktur der Wunschthematik, der Angst und der Abwehr des Erzählers in der dargebotenen Erzählung. Typische Verlaufsformen werden postuliert, konnten bisher aber nicht überzeugend belegt werden (S. 106).
Das Konzept der Inszenierung ist auf der theoretischen Ebene sehr einleuchtend und es könnte sich für die Formulierung einer Typologie von Alltagserzählungen als hilfreich erweisen. So werden bei der Erzählanalyse JAKOB von Boothe (2000) gewisse dramaturgische Eigenschaften benannt, um Verläufe von Erzählungen beschreiben zu können (Erwartungshorizont, Startdynamik, Verlaufsdynamik und Ergebnisformulierung). Flader und Giesecke jedoch greifen in ihrer konversationsanalytischen Studie zum Vergleich von Erzählungen (1980) kurzerhand zur 'Normalform' der Erzählung von Labov und Valetzky (1973). Diese 'Normalform' konnte aber bisher nicht zufriedenstellend bestätigt werden.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |