Poststrukturalistische Narratologie und narrative Psychologie

Das Verhältnis zwischen Realem und Erzähltem bleibt eine ungeklärte Frage. Oder wie Todorov das Problem formuliert: Das Verhältnis zwischen Benennung und Beschreibung als Funktionen der Sprache. Labov und Valetzky (1973) gehen davon aus, dass diese Bereiche strikt aufeinander bezogen sind, weshalb ihre Theorie auf wackeligen Beinen zu stehen scheint. Auch das Problem der temporalen Folge und damit auch der temporalen Grenzen bleibt dadurch ungelöst (Labov & Valetzky, 1973, S. 95f, siehe weiter unten), da eine Erzählung nicht der Chronologie der ihr zugrundeliegenden Ereignisse folgen muss (siehe auch Bal, 1997, S. 8).

In den 1970er und 1980er Jahren folgte eine angeregte Diskussion um strukturalistische und post-strukturalistische Positionen in der Erzählforschung (Petersen, 1977; Thorndyke & Yekovic, 1979; Yekovic & Thorndyke, 1980; Wilensky, 1983; Shen, 1992; Schulz, 1992; Wodak, 1992).

Der Sozialkonstruktivismus beispielsweise verwirft die essentialistische Auffassung von Gedächtnis als psychischem Prozess ebenso wie den 'Textualismus' etwa von Roland Barthes und Michel Foucault (Hamburger, 1998). Von diesem Standpunkt werden struktualistische und grammatikalische Erzähltheorien kritisiert. Diese radikale Haltung stellt einen vorläufigen Höhepunkt in der Zunahme von ökologischen und interaktionistischen Einflüssen auf die Theoriebildung der Psychologie und der Narratologie dar. Autobiografische Erinnerungen seien weder innerpsychische Entitäten noch reine soziale Textphänomeine, lautet eine der Kernaussagen dieser kritischen Haltung. Akte des autobiographischen Erinnerns treten nur in sozialen Situationen auf, argumentieren die Sozialkonstruktivisten - und sie unterliegen kulturspezifischen und historisch variablen Regeln und Eigenheiten. Sie sind (1) auf ein Ziel, eine Idee oder eine abschliessende Pointe hin orientiert, (2) wählen die zu diesem Endpunkt passenden Ereignisse aus, (3) sind zeitlich geordnet und (4) kausal verknüpft und (5) werden durch Abgrenzungszeichen als autobiografische Erinnerung ausgewiesen (Hamburger, 1998, S. 239f).

In neuerer Zeit wurde auch stärker nach der Erzählkompetenz gefragt und nach deren Entwicklung. Nelson (1989) untersuchte in einer aussergewöhnlichen Untersuchung die Selbstgespräche eines kleinen Mädchens um mehr über Inhalt, Struktur und Erzählkompetenz von Kleinkindern zu erfahren. Vor allem in den USA ist in neuerer Zeit eine 'narrative' Psychologie entstanden, die sich das Erzählen zum Gegenstand macht. Einige Autoren gehen gar soweit, das Narrative als eine Art Modus des Denkens und Wahrnehmens zu verstehen (Bruner, 1986). Alte und neuere qualitative methodische Ansätze wurden für die Psychologie und die Narratologie fruchtbar gemacht (Smith et al., 1995; Straub, 1998). So fand etwa das Erzählen im Alltag stärkere Beachtung als auch die Zusammenhänge zwischen autobiografischem Erzählen und Identitätsbilung. Erzähltheoretische Konzepte zeichnen sich in der Folge durch höhere Komplexität aus.

Rehbein (1980) stellt beispielsweise in einer konversationsanalytischen Untersuchung ein Modell der 'Leidensgeschichte' zur Diskussion, bei dem sowohl sprecher- als auch hörerseitige Prozesse in das Ablaufmodell eingehen. Wodak (1992) unterscheidet zwischen der inhaltlichen und der formalen Textebene, welche das Textthema einer Erzählung konstituieren. Die inhaltliche Textebene setzt sich dabei zusammen aus Handlungsstrategien (Sprecherperspektive etc.) und kognitiv-emotionalen Strategien (Problemlösungsstrategien, Gefühlsausdruck). Die formale Textebene besteht aus Diskursprozessen (Erzählstruktur, Themenverarbeitung) und logischen Prozessen (Tempus, Kohärenz) (S.188ff).

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser