Manual zur entwickelten erzählanalytischen Methode

Übersicht über die Methode

Erzählungen werden nach einem festgelegten Raster bewertet. Jede Erzählung wird auf 4 Merkmale hin untersucht. Die vier Merkmalsdimensionen sind:
1. persönlich-öffentlich
2. konstruktiv-destruktiv
3. aktiv-passiv
4. postitiv-negativ-null

Theoretisch scheinen 24 Merkmals-Kombinationen möglich (siehe Tabelle XX). Diese Kombinationen heissen 'Erzählmuster'. Die Namen der einzelnen Erzählmuster sind provisorisch, sie stehen stellvertretend für postulierte prototypische Erzähl-Gestalten und dienen nur der allgemeinen Orientierung. 'Aufbruch' kann gerade so gut für 'Initiative' stehen oder für 'Angebot'.

Praktische Anwendung

Die Kategorisierung der Erzähltexte geschieht in einer einfachen Tabelle. Die Tabelle hat mindestens 5 Spalten (Erzählung/A/B/C/D). Es sind die folgenden Fragen massgebend:

1. Handelt es sich um eine persönliche Erzählsituation (storyline)? A=1
Handelt es sich um eine öffentliche/institutionelle Erzählsituation (storyline)? A=2
Handelt es sich um eine sowohl persönliche als auch öffentliche/institutionelle Erzählsituation? A=3
2. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich konstruktiven Ereignissen? B=1
Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich destruktiven Ereignissen? B=2
Können die Fragen 4 und 5 nicht eindeutig beantwortet werden? B=3
3. Positioniert sich die/der Ich-Erzählperson zu Beginn aktiv? C=1
Wird die/der Ich-Erzählperson zu Beginn (passiv) positioniert? C=2
4. Verändert sich die Position der Ich-Erzählperson (positiv) zu ihren Gunsten? D=1
Verändert sich die Position der Ich-Erzählperson (negativ) zu ihren Ungunsten? D=2
Bleibt die Position der Ich-Erzählperson unverändert (null)? D=3

Es können gewisse Geschichten nicht einer einzigen Erzählsituation (storyline) zugeordnet werden. Manchmal - selten - überlagern sich mehrere Erzählsituationen. Ein weiteres Problem tauchte bisweilen auf: Manchmal ist sich die Ich-Erzählerin nicht sicher, ob sie sich selbst aktiv postitioniert hat, oder passiv in eine Postition gedrängt wurde. Die Probleme wurden dadurch umgangen, dass bei solchen Spezialfällen mehrere Felder gleichzeitig markiert werden können (Fragen 3 und 6). So können die Merkmale der Thematik (A und B) im Extremfall alle gleichzeitig vorkommen, wenn sich in einer Erzählung verschiedene Erzählsituationen (storylines) überschneiden. Diese Erzählungen erscheinen dann nicht mehr innerhalb der oben in Tabelle XX aufgeführten 24 Kombinationen. Diese Erzählungen werden bei der Auswertung gesondert behandelt. Die übrigen Merkmale (Fragen 7-11) sind ausschliesslich, d.h. sie können nicht beide gleichzeitig vorkommen; die Entwicklung für die Ich-Figur ist eindeutig zu bestimmen, sie kann nicht positiv und negativ gleichzeitig sein.

Bei Unklarheiten im Zusammenhang mit den Einzelnen Kategorien können vielleicht die Definitionen im nächsten Abschnitt weiterhelfen. Für Fragen in diesem Zusammenhang stelle ich mich gerne zur Verfügung (roland.gasser@einblick.ch).

Definitionen

Position

Eine Position ist zu verstehen als Konglomerat von Rechten, Pflichten und Verpflichtungen des Sprechens im Hinblick auf soziale Festlegungen in der Kommunikation (was, wann, von wem gesagt werden kann/darf/soll). Diese 'moralischen' Eigenschaften der Position sind lokal und zeitgeschichtlich unterschiedlich ausgeprägt und unterliegen einem steten Wandel.

Positionierung

Als Positionierung versteht man Prozesse des Einnehmens und Zuordnens von Positionen. Diese Prozesse verlaufen dialektisch, also wechselseitig. Das Einnehmen einer Position hat die Positionierung von anderen zur Folge.

Erzählmuster

Ein Erzählmuster ist eine typische Kombination von mehreren Merkmalsausprägungen. Merkmale beschreiben definierte Eigenschaften von Erzählungen.

Persönlich

Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die Erzählperson betreffend im Sinne der unmittelbaren Nähe aller beteiligten Personen. Es kann sich auch um innere, private und unsichtbare Vorgänge handeln. Es sind aber auch Ereignisse, die im engen familiären Rahmen von unmittelbaren Bezugspersonen sich ereigen (significant others).

Öffentlich/institutionell

Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Im Gegensatz zu persönlichen Ereignissen sind hier grössere Gruppen von zum Teil unbekannten Personen in einem öffentlichen sozialen Raum betroffen. Es kommen institutionelle Rollen ins Spiel (z.B. ÄrztIn,TherapeutIn, LehrerIn, SchülerIn, KollegInnen, Vorgesetzte, KundInnen, entfernte Verwandte).

Konstruktiv

Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Erhaltung oder einen Aufbau der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet.

Destruktiv

Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Veränderung oder Zerstörung der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Diese intendierten Veränderungen oder Zerstörungen sollen hier nicht moralisch sondern qualitativ gewertet werden. Destruktive Ereignisse können auch - im moralischen Sinne - positiv sein. Eine Anklage, eine Abweisung oder eine Forderung sind in einem gewissen Sinn destruktiv, da sie eine Veränderung wollen.

Aktiv

Hier als Merkmalsausprägung der 'Position': Die Ich-Erzählperson positioniert sich zu Beginn der Handlung aktiv, das heisst sie nimmt gegenüber den anderen Personen selbstständig eine Position ein.

 

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser