Klinische Erzählanalyse

Möglicherweise kann der hier konstruierte methodische Ansatz überdacht und weiterentwickelt werden. Ebenso die Beschreibung von einzelnen Erzählmustern. Die Positionierungs-Theorie könnte sich beispielsweise neben neueren Theorien zur Identitätsbildung durch Narration für die vertiefte Analyse von spezifischen Erzählmustern als fruchtbar erweisen. Es könnte versucht werden, prototypische Verläufe von Erzählmustern zu beschreiben, ähnlich wie dies Rehbein (1980) getan hat. Man könnte auch neue Kriterien für die Kategorisierung von Erzählungen oder eine neue Operationalisierung für deren Extraktion aus Transkripten entwerfen.

Prototypische Erzählverläufe

Boothe hat in einer Art 'erzählerischer Kombinatorik' idealtypische Spannungsverläufe von Erzählungen beschrieben (Boothe, 1994, S. 24; 2000, S. 144). Diese idealtypischen Spannungsverläufe konnten nicht befriedigend durch Erzähltexte belegt werden (2000, S. 106), weshalb ein einfacheres Modell gewählt wurde. Das einfachere Modell ist im Grunde identisch mit dem oben verwendeten 'Entwicklungsmodell'. Es gibt 'gute', 'schlechte' und 'stagnierende' Verläufe von Erzählungen. Die Beurteilung des Verlaufes nach Boothe sieht folgendermassen aus: Die Startdynamik führt gefolgt von einer Entwicklungsdynamik zur Ergebnisformulierung. Der Start ist dort, 'wo es losgeht'. Das Ergebnis zeigt, 'wie es ausgeht'. Der Verlauf ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Start und dem Ergebnis ('am Schluss ist es besser/so-gut-wie/schlechter als am Anfang', S. 106). In der von mir gewählten Beschreibung von Erzählverläufen ist im Gegensatz dazu nur die Veränderung der Position der Ich-Erzählperson massgebend für das Urteil, ob eine Entwicklung 'positiv', 'negativ' oder 'null' ist. Möglicherweise erlaubt eine solche Einschränkung

Erzählmuster und Therapieverlauf

Weitere Fragestellungen könnten sein: Kann man Psychotherapie verstehen als 'Hilfe beim Geschichtenerzählen' bzw. 'Erzähltraining' (siehe auch Meares, 1998)? Sind Geschichten gegen Ende der (erfolgreichen?) Therapie 'runder', 'vollständiger' als am Anfang? Verändert sich die Art und Weise, wie jemand erzählt, welche Erzählmuster er verwendet und so weiter? Welche Erzählmuster-Verteilungen und Erzählmuster-Verläufe zeigen sich typischerweise bei Patienten/Patientinnen abhängig von Faktoren wie Geschlecht, Bildung, Alter, Diagnose etc.?

Der Beantwortung einiger solcher Fragen könnte man vielleicht unter Anwendung und Weiterentwicklung der hier beschriebenen Methode näher kommen. Gergen & Gergen (1988) halten einleitend und ihren eigenen Artikel kommentierend fest und da möchte ich mich anschliessen: "This is a story about stories." - Eine unendliche Geschichte...

 

weiter

Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser