Erzählmuster im Vergleich

Von den im theoretischen Teil besprochenen Ansätzen schienen mir nur wenige geeignet, alltägliches Erzählmaterial zu analysieren, um es Vergleichen zu unterziehen. Es schien unabdingbar, dass ein oder mehrere Merkmale den thematischen Gehalt umreissen sollten. Andererseits musste ein Element der Entwicklung, ähnlich wie bei Propp, in der Beschreibung enthalten sein. Eine solche Beschreibung von Erzählungen - im Hinblick auf eine Typologie - musste also mehrschichtig oder multidimensional sein.

Ein 'mehrschichtiges' Beispiel für eine spezifische Erzähl-Struktur gab Rehbein (1980) in seiner Analyse von 'Leidensgeschichten'. Er verwendete zur Beschreibung von Erzählungen zusätzlich auch Wissensmerkmale, Bühnenmerkmale, Entscheidungsmerkmale, Bewertungsmerkmale, inhaltliche Merkmale (Skandalon), emotionale Merkmale und sogar auch hörerseitige Merkmale.

Laut Rehbein (1980) haben 'Leidensgeschichten' die folgenden Strukturmerkmale:

(1) Der Aktant verhält sich 'normal'
(2) durch die Normalität seines Handelns wird er Gegenstand einer Offensivhandlung mit einem gegnerischen Aktanten, dem Offender, er selbst wird Opfer (Konstellation)
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel;
(4) durch (3) verstrickt er sich tiefer in die Geschichte;
(5) dem Aktanten wird klar, dass er aufgrund einer Konstellation Opfer geworden ist (=Skandalon);
(6) das Andauern der Konstellation erzeugt Hilflosigkeit beim Aktanten;
(7) der Aktant sucht Hilfe bei einem Kooperanten.

Dieser Typus hat gewisse Ähnlichkeiten mit den oben beschriebenen Erzählkategorien der 'Kränkung', der 'Schuld' und der 'Verlierergeschichte'. Eine 'Verstrickung' durch das 'Ergreifen von Gegenmitteln' und die Hilflosigkeit mit darauf folgender Suche nach Hilfe, trifft allerdings höchstens auf die 'Verlierergeschichten' zu. Die Eigenheiten der 'Leidensgeschichten' bei Rehbein könnten aufgrund seines Forschungsgegenstandes entstanden sein, er untersuchte Erzählungen von Hilfesuchenden bei einer sozialen Beratungsstelle. Ein weiterer von ihm beschriebener Typus ist die Siegesgeschichte. Diese hat laut Rehbein die folgenden Merkmale:

(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts, Verstrickung auf höherer Ebene);
(4) Durch eine Idee (einen Einfall, eine List, einen Trick, eine Taktik usw. oder einfach eine Handlung oder ein Ereignis) bringt der Aktant eine überraschende Wende in die zwangsläufige, gegen ihn gerichtete Entwicklung der Konstellation (Überraschung);
(5) positive Folgen für den Aktanten;
(6) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein bestimmtes Ereignis/eine Handlung/ ein Einfall usw. unter den geschilderten Umständen einen positiven Effekt herbeiführen kann.

Dieser Typus ist den in dieser Untersuchung konstruierten Erzählkategorien der 'überwundenen Kränkung' und der 'Wiedergutmachung' ähnlich. Eine Person wird passiv in ein destruktives Geschehen verwickelt, muss eine ungünstige Position einnehmen, kann sich aber auf eine positivere Position 'retten'. Das selbe gilt für den dritten von Rehbein beschriebenen Typus, der Bewähltigungsgeschichte:

(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts);
(4) Er bringt sich damit in eine Situation, in der er handlungsfähig ist;
(5) Durch einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zwischen den beiden am Geschehen Beteiligten wird eine Wende in die zwangsläufige, gegen den Aktanten gerichtete Entwicklung der Konstellation gebracht;
(6) die Handlungsfähigkeit des Aktanten ist restituiert;
(7) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein Aushandlungsprozess unter den geschilderten Umständen die negative Entwicklung aufhalten sowei die Handlungsfähigkeit wiederherstellen kann.

Der Vergleich mit Rehbein zeigt, dass sich vor allem diejenigen Erzählmuster, die eine passive Verstrickung der Erzählperson beinhalten, den von ihm beschriebenen Mustern ähnlich sind (ausser der 'Beschenkung'). Diejenigen Erzählmuster, die zu Beginn der Handlung eine aktive Positionierung der Erzählperson verlangen, scheinen hingegen von Rehbein nicht beschrieben worden zu sein. Es handelt sich dabei um die in meiner Analyse entwickelten Erzählmuster 'Aufbruch', 'Ablehnung', 'Ablehnung mit negativen Folgen' und 'Gewinnergeschichte'.

Zwei andere Bespiele von komplexen Erzählmustern fand Todorov. In seinen Beispielen ging es darum, die alternativen Elemente von Erzählungen zu vergleichen. Dadurch fand er die beiden Erzählmuster des 'Dekameron' ('Die vermiedene Bestrafung' und 'Die Bekehrung', 1972). Das Muster der 'vermiedenen Bestrafung' könnte man vielleicht vergleichen mit dem der 'Wiedergutmachung', wobei Todorov 'Vergehen' beschreibt, die sich im Verborgenen abspielen und eine Strafe meist dadurch vermieden wird, dass die strafbare Handlung nicht an die Öffentlichkeit dringt. Bei der 'Wiedergutmachung' geschieht ebendas, worauf es aber der angeklagten Person gelingt, ihre 'Schuld' - in welcher Weise auch immer - zu tilgen oder erfolgreich abzuweisen. Was das zweite Muster von Todorov angeht, die 'Bekehrung', kann hier in diesem Rahmen kein ähnliches Muster gefunden werden. Es sei denn, man betrachtet wiederum die 'Wiedergutmachung' unter dem Aspekt der Bekehrung, was allerdings ziemlich gewagt erscheint. Hier wird meiner Meinung nach deutlich, dass es sich bei Todorov um literarische Erzählmuster handelt. Eine 'Bekehrungsgeschichte' verlangt einen komplexen Aufbau, was wahrscheinlich den Rahmen von Alltagserzählungen sprengt.

Helden- oder Siegesgeschichten, wie sie etwa Propp in seiner 'Morphologie des Märchens' beschreibt, konnten keine gefunden werden. Das Erzählmuster der 'Gewinnergeschichte' geht von einem aktiven Aufbruch der Ich-Person aus, der von 'Gewinn' gekrönt ist. Es handelt sich hier nicht um einen 'Helden', der sich und andere aus einer von einem 'bösen' Gegenspieler hergestellten gefährlichen Situation rettet. Solche Erzählungen scheinen in psychotherapeutischen Gesprächen selten vorzukommen.

Auffallend bei diesen Vergleichen ist auch die Überzahl von Erzählungen in der Psychotherapie, bei denen keine Veränderung der Position der Ich-Person stattfindet. Die von Rehbein, Todorov und Propp beschriebenen Erzählmuster beinhalten alle eine solche Veränderung. In der Psychotherapie schienen die 'beschreibenden' Erzählungen in der Mehrzahl zu sein, nicht die 'dynamischen'. Das scheint im Hinblick auf Todorov und Propp auf der Hand zu liegen, erwartet man doch von literarischen Erzählungen (zumindest von 'klassischen') und von Märchen eine gewisse Entwicklung der Positionen. Rehbein hingegen hat Alltags-Erzählungen in Beratungsgesprächen untersucht, eine ähnliche Datensorte als. Daher ist es ein wenig erstaunlich, zu welchen Resultaten er gelangt. Seine Erzählungen und Erzählmuster erscheinen 'rund', in sich abgeschlossen. Hier hingegen erscheinen viele Erzählungen brüchig, fragmentarisch. Vielleicht ist das auf Unterschiede in der Natur der Gespräche oder der Operationalisierung von 'Erzählung' zurückzuführen. Sollte nämlich Rehbein nur 'runde' Erzählungen ausgewählt und analysiert haben, wären seine Ergebnisse erklärbar.

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser