Aufgrund der im theoretischen Teil dieser Arbeit dargelegten Schwierigkeiten bei der Erforschung von Regelmässigkeiten und Muster des alltäglichen Erzählens wählte ich einen eher thematisch denn grammatikalisch ausgerichteten Ansatz. Die Entscheidung für die qualitative sozialwissenschaftliche Methodik war dadurch naheliegend. Sprachwissenschaftliche Untersuchungsmethoden schienen der Fragestellung weniger angemessen als qualitativ-interpretierende Methoden der Sozialwissenschaften.
Eine erste methodische Schwierigkeit ergab sich bei der Frage des offenen oder freien Kodierens. Sollten theoretische Vorannahmen die Kodiertätigkeit leiten oder soll vollkommen offen kodiert werden? - Ich entschied mich für das offene Kodieren, in der Hoffnung und der Annahme, dass dadurch auch weiterführende Einsichten entstehen könnten. Diese Einstellung gehört ja ebenfalls zur qualitativen Methode der 'grounded theory'. Man soll nichts verschenken, möglichst nahe am Textmaterial bleiben, so lange es geht.
Durch diese Nähe zum Text ergab sich aber schon bald die Notwendigkeit einer Einschränkung, da ansonsten die Fülle an Kodes den Rahmen der Arbeit zu sprengen drohte. Die Entscheidung fiel nach einer Gruppierung der Kodes in Familien. Es zeichneten sich drei Bereiche ab: die thematische Situation der Erzählung, die Position der Ich-Erzählfigur und die Entwicklung der Story. Diese drei Bereiche bildeten daraufhin die 'Leitlinien' der weiteren Kodierarbeit. Die Konzepte konnten mit Hilfe von Theorien und methodologischen Anleitungen verfeinert werden. Es entstand ein Raster für die Kategorisierung von Erzählungen mit vier Dimensionen: persönlich-öffentlich, konstruktiv-destruktiv, aktiv-passiv und positiv-negativ-null.
Grammatikalische Eigenschaften oder Merkmale des Verlaufs von Erzählungen waren dabei weniger wichtig als thematische und dynamische Aspekte der Erzählung. Aufgrund der Fragestellung und der erwartbaren Ergebnisse bin ich der Meinung, war die Entscheidung vernünftig.
Eine Schwierigkeit ergab sich bei der freien Kodierung: Wie frei war die Kodierung von Beginn weg? Welche Kontrollmassnahmen wurden ergriffen? Beeinflussten vielleicht doch unbewusst verschiedene Theorien den Kodiervorgang?
Es ist enorm schwierig, im Alleingang zu kodieren, Kodes zu abstrahieren, Klassen zu bilden, etc.. Es wäre angebracht, bei einem solchen Projekt in einem Team zu arbeiten. Was wiederum einen bedeutenden Aufwand an Koordination erfordern würde. Entsprechende Forschungsprojekte müssten sorgfältig geplant werden. Vielleicht bietet das Internet gewisse Erleichterungen in Zukunft, da man, wenn man Platz auf einem Server zur Verfügung hat, die Daten des Atlas-Ti gegenseitig austauschen kann. Damit hätte man schon eine Möglichkeit, die Arbeit von Team-KollegInnen zu verfolgen und gegebenenfalls laufend zu kritisieren.
Ein weiteres Problem liegt in der Qualität der Daten. Wie im Ergebnisteil
besprochen, konnte im Verlauf der Analyse aller Erzähltexte festgestellt
werden, dass einzelne Texte offenbar keine transkribierten Erzähltexte
waren, sondern schriftlich festgehaltene Kommentare im Tagebuch. Wie steht es
darüber hinaus mit der Extraktion von Erzählungen aus Gesprächs-Transkripten?
Wo ist der Anfang und wo das Ende einer Erzählung?
Die Fragen bezüglich der Operationalisierung des Konzeptes der 'Erzählung'
müssen hier unbeantwortet bleiben, die Erfassung der Daten war nicht Thema
dieser Arbeit. Sie muss aber bei der Diskussion der Ergebnisse Erwähnung
finden, da die Güte einer Untersuchung auch von den ihr zugrundeliegenden
Daten abhängt. Bei dieser Untersuchung wurden die Erzähltexte aus
dem Archiv der Abteilung klinische Psychologie I übernommen, ohne dass
daran etwas verändert wurde.
Der Prozess des 'Ratings' aller Erzählungen am Schluss der Untersuchung
kann ebenso kritisiert werden. Nachdem eine theoretisch und ökonomisch
vertretbare Methode zur Klassifizierung der Erzählungen erarbeitet worden
war, wurden alle Erzähltexte mittels dieser Methode 'bewertet'. Dieser
Prozess wurde von mir allein durchgeführt, was die Qualität der Klassifizierungen
möglicherweise beeinträchtigt hat. Es wäre von einem methodischen
Standpunkt aus sinnvoller gewesen, wenn mehrere 'Rater' diese Erzählungen
bewertet hätten, so dass man z.B. eine Inter-Rater-Reliabilität hätte
berechnen können. So bleibt dieser Prozess ein 'Pilot-Projekt'. - Zwangsläufig
ist das bei einer im Alleingang durchgeführten qualitativen Untersuchung
der Fall.
Zu diesem 'Rating' muss auch gesagt werden, dass es keinesfalls möglich
war, alle Erzählungen eindeutig zu bewerten beziehungsweise einer Kategorie
zuzuordnen. Fast 10% der Erzählungen fielen in die Kategorie der 'nicht-kategorisierbaren'
Erzählungen. Darüber hinaus war die Entscheidung in einigen Fällen
nicht ganz einfach zu treffen, welches die 'Situation', die 'Position' der Ich-Erzählperson
und die 'Entwicklung' der Erzählung war. Zur Illustration dieser Schwierigkeiten
sei hier eine Erzählung angeführt und besprochen:
Handelt es sich bei dieser Erzählung um eine persönliche oder um eine
öffentliche? - Ich entschied mich für persönlich, denn es geht
um die Schilderung einer persönlichen, heroischen Tat (sich fünf Tage
lang zusammenreissen) und die darauffolgenden Ereignisse. Sind die Ereignisse
grundsätzlich als konstruktiv oder als destruktiv zu betrachten? - Ich
entschied mich für konstruktiv, da es der Erzählerin und Ich-Person
der Erzählung darum ging, dabei zu sein, nicht sich abzusondern. Sie wollte
ins Engadin, sie wolle tapfer sein. Damit ist auch gegeben, dass sie sich aktiv
positioniert. Was geschieht darauf, wie entwickelt sich die Position der Ich-Person?
- Diese Entscheidung ist wiederum nicht einfach zu treffen. Sicher scheint mir,
dass sich die Position nicht verbessert. Bleibt sie gleich? - Meiner Meinung
nach nicht, denn innerlich steht die Ich-Person am Ende schlechter da, als am
Anfang. Vielleicht traut sie sich noch weniger zu, hat Angst, fertig gemacht
zu werden, bezeichnet sich als Versagerin. Es scheint mir, dass sich die Position
negativ entwickelt hat.
Anhand von obigem Beispiel sind die Schwierigkeiten des 'Ratings' zu erkennen:
Entscheidet man sich im Zweifelsfall für eine Ausprägung oder für
keine? Fällt die Erzählung als nicht kategorisierbar heraus oder bleibt
sie drin, mit einer nur halb vertretbaren Entscheidung zu Gunsten einer Kategorie
von Erzählungen?
Die Entwicklung eines Manuals und von genauen Kriterien zur Bewertung von Erzähltexten
nach der hier entwickelten Methode wäre notwenig. Ein knapper Entwurf eines
solchen Manuals ist im Anhang beigefügt.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |