Strukturalistische Erzählforschung

Der Formalismus der früheren Erzählforschung (Propp) wurde von den Vertretern des Strukturalismus in den 1960er Jahren zunehmend kritisiert. Inhalt und Form seien nicht zu trennen, da Struktur und Strukturiertes eine Einheit bildeten, so argumentierten die Strukturalisten. Lévi-Strauss war beispielsweise der Meinung, man solle die Konstanz des Inhalts trotz der Permutierbarkeit untersuchen, aber auch die Permutierbarkeit der Funktion (trotz ihrer Konstanz). Der Formalist Propp war bei seinem Ansatz von der Konstanz der Form ausgegangen, was Lévi-Strauss in seiner strukturalistischen Erzählforschung relativiert, worin die Struktur der Erzählung eher einen Raum von Möglichkeiten darstellt, eine 'Matrix' sozusagen, wobei eben auch die Funktionen eine gewisse Veränderbarkeit aufweisen.

Auch der Poetologe Todorov wollte an der Idee einer allgemeinen, 'strukturalen' Erzählgrammatik festhalten, obschon er auch grosse Zweifel an der Machbarkeit hegte. Dabei stellte sich nämlich seiner Ansicht nach das zentrale Problem des Verhältnisses von Beschreibung und Benennung als Funktionen der Sprache, welches die Theoriebildung erschwert. Er sagt: "Wenn wir die Intrigenstruktur einer Erzählung untersuchen, müssen wir zuerst die Intrige in der Weise zusammenfassen, dass jede distinkt erzählte Handlung in die Form einer logischen Aussage gebracht wird. Dadurch kommt der Gegensatz von Benennung und Beschreibung sehr viel deutlicher zur Geltung als in der Sprache (S.117)." Die Beschreibung erfolgt laut Todorov durch das Prädikat. Der Handlungsträger ist dabei nichts als eine 'leere Form'. Seine Eigenschaften "müssen erst in der Form abrufbarer Bindungen an ein Prädikat hinzukommen (S. 117)". Todorov unterscheidet vier Analyseebenen: Prädikat, Aussage, Sequenz und Text. Jede dieser Ebenen kann nur unter Bezugnahme auf die jeweilig übergeordnete Ebene untersucht werden (S.218). Laut Todorov bleiben also die Erzähltexte - durch ihre Ebenen hindurch - sprachliche Konstruktionen, deren Strukturen nur bedingt beschrieben werden können.

Nach der kognitiven Wende in der Linguistik und der Psychologie haben verschiedene Forscher in den 1960er und 1970er Jahren versucht, allen Geschichten zugrundeliegende Strukturen, sogenannte Geschichtengrammatiken (story grammar), zu finden (Van Dijk et al., 1973; Labov & Waletzky, 1973; Mandler, 1977).
Van Dijk schrieb zum Problem der Geschichten-Grammatiken und ihrem Verhältnis zur kognitiven Psychologie:

"The problem may be approached from two different angles: we either generalize existing grammatical formalism such as to account also for macro-structures and their relations with sentence structure or we try to give formal/grammatical formulation of some ideas elaborated e.g. in cognitive psychology, that is we directly 'adapt' the form of the grammar to its empirical correlates. Although this last solution is not without thorny methodological problems, we may indeed try to build grammars which are closer to psychological theories of verbal behavior (1973, S. 78)".

Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen formulierten Van Dijk et al. (1973) theoretische Anforderungen an eine zukünftige Theorie des 'Narrativen'. Eine solche Theorie soll auf solide erkenntnistheoretische Grundlagen gestellt sein, analog zur kognitiven Psychologie, deren Methoden in dieser Zeit weiterentwickelt wurden.
Eine narrative Struktur wird von van Dijk annähernd als eine Menge von Ereignissen bezeichnet. Ein Ereignis besteht semantisch aus mindestens drei Propositionen: Der Beschreibung eines Ausgangszustandes, eines Übergangs- und eines Endzustandes. Eine narrative Struktur besteht aus mindestens zwei Ereignissen, hat also mindestens fünf Propositionen. In dieser Konzeption von Erzählung wird die Anlehnung an die Gedächtnismodelle der kognitiven Psychologie deutlich, wo Propositionen als 'Grundbausteine' der Sprache als Forschungsmodell weit verbreitet waren.

Als Komponenten der narrativen Struktur postulieren van Dijk et al. fünf Teilstrukturen (1973, S.70):

1. Die Einführung: Spezifiziert den Anfangszustand von Menschen(gruppen) und/oder Situationen.
2. Die Komplikation: Spezifiziert ein oder mehrere Ereignisse, die diesen Zustand verändern.
3. Die Konfrontation könnte als Versuch umschrieben werden, die Komplikation durch die Intervention(en) eines oder mehreren Aktanten (agentes) aufzulösen.
4. Die Auflösung spezifiziert die Folge(n) dieser Handlung(en), z.B. in einer Bewertung der Handlungen.
5. Die Konklusion spezifiziert den Endzustand.

Auch andere Psychologen suchten nach der kognitiven Wende im Zusammenhang mit der Gedächtnisforschung nach schematischen Repräsentationen von Geschichten (Thorndyke, 1977; Thorndyke & Yekovich, 1979, Yekovich & Thorndyke, 1980). In der kognitiven Psychologie und der Psycholinguistik untersuchte man, ob Erzählungen der Logik von Schemata folgen. Es zeigte sich tatsächlich, dass, wenn eine Erzählung typischen Schemata folgt, sie auch besser erinnert wird (Thorndyke, 1977). Aber auch diese Konzeption der Erzählung als 'schemageleiteter Bericht' wurde von verschiedenen Seiten her kritisiert (Yekovich & Thorndyke, 1980).

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser