Geschenk ohne Folgen

Diese Erzählungen sind als persönlich/konstruktiv/passiv/null kategorisiert. Die dazugehörigen Kodes sind Andeutung, Schenkung, Überraschung und Trost. Es geschieht ein Angebot, ein Geschenk, eine freudige Überraschung oder Trost von aussen, die Ich-Erzählperson ist passiv darin verwickelt und verändert ihre Position in der Erzählung nicht. Es bleibt bei der Schilderung einer 'Beschenkung', wobei beim Begriff der 'Beschenkung' der passive Aspekt des Geschehens noch hervorgehoben wird. Die provisorische Benennung 'Geschenk' wird also zugunsten von 'Beschenkung' aufgehoben.

Ablehnung gefolgt von Leid

Die als persönlich/destruktiv/aktiv/negativ kategorisierten Erzählungen lassen sich mit den Kodes Abweisung, Zerwürfnis, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Lüge, Rückzug und Trotz beschreiben. Zusätzlich zu der schon besprochenen ablehnenden Haltung kommt hier eine negative Entwicklung dazu, das heisst, die Ich-Erzählperson nimmt am Ende der Erzählung eine ungünstigere Position ein, als zu deren Beginn. Die erfolgte Ablehnung führt also zu einer leidvollen Entwicklung, möglicherweise bestehen hier Ähnlichkeiten zu der von Rehbein (1980) beschriebenen 'Leidensgeschichte'. Der Begriff 'Leidensgeschichte' scheint aber hier zu unspezifisch zu sein, denn er würde auf mehrere Kategorien zutreffen. Vielleicht wäre 'Ablehnung mit negativen Folgen' die bessere Bezeichnung als 'Ablehnung gefolgt von Leid'.

Strafe wird überstanden

Die Erzählungen dieser Kategorie sind mit öffentlich/destruktiv/passiv/positiv beschreibbar. Es handelt sich dabei um die Kodes Anklage, Auffliegen, Drohung, Forderung, Kontrolle, Strafe, Verpflichtung und Vorwurf. Dazu kommt eine positive Entwicklung für die Ich-Erzählperson. Für Erzählungen der provisorischen Kategorien der 'Strafe' wurde bereits entschieden, den treffenderen Begriff der 'Schuld' zu verwenden. Es wird also hier nicht eine Strafe überstanden, sondern eine 'Schuld' beglichen, gesühnt oder abgewiesen. Die 'Schuld' kann auch zu unrecht der Ich-Erzählperson zugeordnet worden sein. 'Schuld' soll hier so weit gefasst wie möglich verstanden werden. Jemand wird schuldig, bleibt etwas schuldig, steht im Verdacht, schuldig zu sein usw.. Die 'Aufhebung' der Schuld ist eine 'Wiedergutmachung' - nicht im finanziellen, aber im moralischen Sinne. Die Kategorie soll also 'Wiedergutmachung' genannt werden. Das fiktive Erzählmuster der 'Rehabilitationsgeschichte' aus dem ersten Kodierdurchgang würde wohl in diese Kategorie gehören.

Aufbruch ins Glück

Diese Erzählungen wurden als persönlich/konstruktiv/aktiv/positiv kategorisiert. Zu den ersten drei dieser Merkmale (persönlich/konstruktiv/aktiv) gehören die Kodes Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen, Aufbruch, Freude, Impulskontrolle und Initiative. Darauf folgt eine positive Entwicklung für die Ich-Erzählperson. Der Begriff 'Aufbruch' wurde gewählt für weitgehende verschiedenen Aktivitäten der Öffnung, der Initiative, der Begegnung. Ein Aufbruch in eine 'bessere Welt' geschieht hier, vielleicht nicht gerade ins Glück, so aber doch mit positiven Folgen. Eine 'Chance' wird wahrgenommen, eine Gelegenheit beim Schopf gepackt. Da der Begriff 'Glück' irreführend sein könnte, wird neu der Ausdruck 'Aufbruch mit positiven Folgen' gewählt. Griffiger - aber eventuell ebenso irreführend - könnte der Begriff 'Gewinnergeschichte' sein.

Kränkung gefolgt von Leid

Diese Erzählungen sind als persönlich/destruktiv/passiv/negativ kategorisiert worden. Wie gehabt passen dazu die folgenden Kodierungen:

1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung, Lüge

Eine Kränkung führt zu noch grösserem Leid, es folgt ein 'Absturz'. Diese Geschichten könnte man im Kontrast zu den im vorigen Unterkapitel beschriebenen 'Gewinnergeschichten' als 'Verlierergeschichten' bezeichnen. Dabei soll man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei den beiden um persönliche Erzählungen handelt und nicht etwa um öffentlichen, gesellschaftlichen Gewinn oder Verlust.

 

Die zum Teil neu benannten 10 häufigsten Erzählmuster sind in untenstehender Tabelle noch einmal zusammengefasst.

Zusammenfassend bleibt noch einmal festzuhalten, dass auffälligerweise die 'statischen' Beschreibungen von Kränkungen, Schuld, Aufbruch, Ablehnung und Beschenkung deutlich zu überwiegen scheinen. Die 'dynamischen' Erzählungen der überwundenen Kränkung, der Ablehnung mit negativen Folgen, der Wiedergutmachung, des Aufbruchs mit Gewinn und der Kränkung mit negativen Folgen sind in der Minderzahl. Es überwiegen also - mit Gergen (1995) gesprochen - die 'stabilen' Erzählmuster, während 'regressive' oder 'progressive' Erzählmuster seltener vorkommen.

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser