Zehn häufigste Erzählmuster

Die Namensgebung der Kombinationen erfolgte in der vorerst provisorisch. In einem weiteren Schritt kann man nun mit den Erfahrungen aus dem vierten Kodierdurchgang für die 10 häufigsten Erzählmuster noch treffendere Beschreibungen und Namen suchen. Das soll nun versucht werden.

Kränkung ohne Folgen

Das am häufigsten vorkommende Erzählmuster ist persönlich/destruktiv/passiv/null. Das heisst, diese Erzählungen drehen sich um Ereignisse, in die die Ich-Erzählfigur persönlich verstrickt ist und die darauf ab zielen, die bestehenden Verhältnisse in irgend einer Weise zu verändern. Die Ich-Erzählfigur findet sich passiv in diesem Sub-Personen-Geschichten-Raum positioniert, eine Entwicklung im Sinne einer Veränderung ihrer Position findet innerhalb der Erzählung nicht statt. Persönlich-destruktive Erzählungen handeln laut den unvollständigen, anhand von 150 Erzählungen erstellten Kodierungen (Tabelle 7) von Abweisung, Beleidigung, Eingrenzung, Ekel, Enttäuschung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Lüge, Rückzug und Trotz. Abweisung, Lästern, Rückzug und Trotz verlangen eindeutig 'aktive' Positionierungen und fallen deshalb weg. Die verbleibenden Kodes können grob in zwei Gruppen eingeteilt werden:

1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung, Lüge

Es scheint sich also einerseits um Kränkungen, Beleidigungen, Verletzungen und ähnliches zu handeln, also Ereignisse, bei denen die Ich-Erzählperson in ihrer 'Integrität' angegriffen wird (1). Andererseits gehören Ereignisse zu dieser Gruppe, wo die 'Moral' der Ich-Erzählperson angegriffen wird.

Diese Thematik der Angriffe auf die Integrität und die 'Moral' der Ich-Erzählperson könnte man, wie bereits geschehen, im Begriff 'Kränkung' zusammenfassen. Dieser Begriff scheint geeignet zu sein, da er schon im alltäglichen Gebrauch einen doppelten Sinn hat: Einerseits stammt er von Krankheit her, meint also Angriffe auch auf das körperliche, die Integrität, etwa durch Viren. Andererseits ist er klar auf die Moral bezogen, meint einen Angriff auf die moralische Einstellung, die psychische Konstitution eines Menschen.

Nun bleiben diese 'Kränkungen' in diesem am häufigsten vorkommenden Erzählmuster ohne Folgen, es findet keine Entwicklung statt. Es bleibt einfach bei der 'Kränkung', die Ich-Erzählperson ist 'gekränkt' und dabei bleibt es in diesen Erzählungen.

Strafe bleibt ohne Folgen

Das am zweithäufigsten vorkommende Erzählmuster ist öffentlich/destruktiv/passiv/null. Aus der Tabelle 4 stammen die folgenden Kodes für den Bereich öffentlich/destruktiv: Anklage, Auffliegen, Drohung, Forderung, Kontrolle, Strafe, Verpflichtung und Vorwurf. Anklage fällt weg, da es eine aktive Positionierung verlangt. Die verbleibenden Kodierungen kreisen um Drohung, Forderung, Verpflichtung und Vorwurf auf der einen und Auffliegen, Kontrolle und Strafe auf der anderen Seite. Die Ich-Erzählperson sieht sich einem gesellschaftlichen Zwang gegenüber, wird bestraft für Vergehen gegen die 'öffentliche' Ordnung. Die Ich-Erzählfigur wird gemahnt, sich an die Regeln zu halten, es wird ihr mit Sanktionen gedroht, mit 'Veröffentlichung' etc. . Man könnte vielleicht sagen, dass es sich bei diesen Vorgängen immer um stillschweigende Anklagen der Ich-Erzählperson durch andere handelt. Die Ich-Erzählperson wird in die Position gestellt, etwas Unrechtes getan zu haben, Verpflichtungen nicht erfüllt zu haben oder ähnliches. 'Anklage' wäre wohl der treffendere Begriff für diese Kategorie von Erzählungen als 'Strafe'. 'Anklage' meint aber implizit eine Aktivität der Ich-Erzählperson im Sinne eines Anklägers, nicht eines Angeklagten (worum es hier ja geht). Daher soll neu der Begriff der 'Schuld' für diese Kategorie verwendet werden, womit der passiven Positionierung der Ich-Erzählperson bei diesen Erzählungen verstärkt Rechnung getragen wird.

Aufbruch ohne Folgen

Eine Erzählung dieser Kategorie ist persönlich/konstruktiv/aktiv/null. Das heisst, sie handelt von persönlichen Ereignissen, die die bestehenden Verhältnisse bewahren oder verbessern sollten, die Ich-Erzählperson positioniert sich aktiv, verändert die Position innerhalb der Erzählung jedoch nicht. Diese Erzählungen handeln von Heil, Zuneigung und Vertrauen. Die Kodes Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen, Schenkung, Überraschung, Aufbruch, Freude, Impulskontrolle, Initiative und Trost wurden dem Sektor persönlich/konstruktiv zugeordnet. Schenkung, Überraschung, Trost fallen weg, da sie eine passive Positionierung verlangen. Es bleiben also Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen, Aufbruch, Freude, Impulskontrolle und Initiative.
Der Begriff 'Aufbruch' scheint für diese Kategorie ziemlich gut geeignet, denn er meint einerseits das Ergreifen von Initiative, jemand bricht auf zu Taten und Reisen. Damit wären die Kodes Andeutung, Angebot, Ins-Vertrauen-Ziehen, Aufbruch und Initiative gut abgedeckt. Die Kodes Erwartung, Freude und Impulskontrolle stehen etwas abseits, sie sind eher statisch zu verstehen, eher bewahrend und daher auch konstruktiv. Die Aktivität besteht hier darin, innerlich Stellung zu nehmen, vielleicht auch innerlich aufzubrechen. Deshalb soll der Begriff 'Aufbruch' für diese Kategorie beibehalten werden.

Ablehnung ohne Folgen

Diese Erzählungen wurden als persönlich/destruktiv/aktiv/null kategorisiert. Sie handeln somit von persönlichen und destruktiven Ereignissen, wobei sich die Ich-Erzählperson aktiv positioniert. Von den Kodes (Tabelle 7) treffen die folgenden auf dieses Muster zu:
Abweisung, Zerwürfnis, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Rückzug und Trotz. Gemeinsam scheint diesen Kodes eine ablehnende Haltung der Ich-Erzählperson zu sein, wobei sich die Mittel der Äusserung und der Durchsetzung dieser Ablehnung unterscheiden. Eine Entwicklung der Position der Ich-Erzählperson findet in diesen Erzählungen nicht statt.

Kränkung überwunden

Die Kategorie der persönlich/destruktiv/passiv/positiven Erzählungen wurde provisorisch als 'überwundene Kränkung' benannt. Die Kodes teilen sich wie gehabt in zwei Gruppen auf:

1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung, Lüge

Zusätzlich zur Kränkung ereignet sich in diesen Erzählungen eine Veränderung der Position der Ich-Erzählperson zu deren Gunsten. Das heisst, die Lage der Ich-Erzählperson verbessert sich im Hinblick auf ihre Rechte und Möglichkeiten entweder durch ihr dazutun oder von aussen her initiiert. Die Kränkung wird also zumindest teilweise überwunden, wenn man davon ausgeht, dass mit der erfolgten Kränkung eine Position verbunden war, die zu Ungunsten der Ich-Erzählperson ausgestattet war. Jede Verbesserung der Position zielt also in Richtung einer Verarbeitung und letztendlich Überwindung der Kränkung. Daher soll die provisorische Benennung dieser Kategorie beibehalten werden.

 

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser