Die Ergebnisse der Analyse erlauben es, einen Teil der Fragen zu beantworten, die Eingangs gestellt wurden (siehe Fragestellung). Zur ersten Frage nach den Erzählmustern wurden einige Hinweise zusammengetragen. Es scheint möglich zu sein, Erzählungen nach gewissen Kriterien zu ordnen. Kriterien für eine solche Einordnung sind beschrieben worden. Von insgesamt 347 analysierten Erzählungen konnten deren 31 keiner der 24 postulierten Kategorien zugeordnet werden (8.9%). 316 Erzählungen wurden den 24 Kategorien zugeordnet. Es konnten alle Erzählmuster gefunden werden, allerdings in ziemlich unterschiedlichen Häufigkeiten. Man könnte die Erzählungen in einer Datenbank speichern und mittels dieser Kriterien klassifizieren. Die Entwicklung einer solchen Datenbank - mit entsprechenden Eingabemasken und Eigenschaftsfeldern - dürfte mit geeigneter Software keine allzu grossen Probleme bereiten.
Die zusätzliche Frage nach den prototypischen Erzählverläufen kann aus den erzielten Ergebnissen dieser Untersuchung nicht befriedigend beantwortet werden. Es müssten dazu weitere Schritte unternommen werden, wobei diese nach dem jetzigen Stand der Analyse leider als ziemlich aussichtslos betrachtet werden müssen. Die Schwierigkeit besteht in der Vielfalt der Erzählabläufe, die eine Festlegung eines 'prototypischen Verlaufsmusters' verunmöglichen dürfte. Eine ungeklärte Frage bleibt dabei auch diejenige nach der 'vollständigen' Erzählung. Was wäre wenn es solche prototypischen Verlaufsmuster gäbe, sich aber niemand darum kümmern würde, 'ganze' Geschichten zu erzählen?
Es ergab sich in Bezug auf die Zuordnungen in den drei Teilbereichen folgendes Bild: 62% der Erzählungen handeln von eher persönlichen Themen, 38% von eher öffentlichen. 35% schildern im Grunde genommen konstruktive Ereignisse, 65% destruktive. Bei 40% der Erzählungen nimmt die Ich-Erzählperson aktiv eine Position zu Beginn der Handlung ein. Bei 60% der Erzählungen findet sich die Ich-Erzählperson zu Beginn der Handlung in eine Position gedrängt. Etwa bei der Hälfte der Erzählungen (47%) verändert sich die Position der Ich-Erzählperson während der geschilderten Geschehnisse, bei der anderen Hälfte (53%) bleibt es bei der zu Beginn beschriebenen Position. Bei 27% der Erzählungen verändert sich die Position der Ich-Erzählperson zu deren Gunsten, bei 20% zu deren Ungunsten.
Prozentuale Anteile der Kategorisierungen pro Dimension
(100%=316 Erzählungen) nach Auschluss der
nicht-kategorisierbaren Erzählungen (31 von 347):
Persönlich: 62% Öffentlich: 38%
Konstruktiv: 35% Destruktiv: 65%
Aktiv: 40% Passiv: 60%
Positiv: 27% Negativ: 20% Null: 53%
Es werden in psychotherapeutischen Gesprächen mehr persönliche, destruktive Dinge erzählt, in die man in der Regel (passiv) hinein gerät. Das scheint soweit logisch und nachvollziehbar. Dennoch werden aber auch viele Geschichten erzählt, die von 'öffentlichen' Ereignissen und Begegnungen erzählen, von Schule und Beruf, von entfernten Verwandten und Bekannten, von Pflegern, Therapeuten und Ärzten. In vielen Fällen ist die Ich-Erzählperson durchaus aktiv, nimmt Stellung. Sehr häufig aber bleibt es bei Schilderungen von Vorgängen, ohne dass sich die Position der Ich-Erzählperson verändert. Diese Erzählungen hinterlassen beim Leser häufig den Eindruck der Abwesenheit von etwas, von einer 'Pointe' oder einem 'Punkt' eben. Die Schilderung bleibt leer, gleicht einer Chronik oder einem Bericht.
Einige Erzählungen konnten keiner der oben beschriebenen Kategorien zugeordent werden (31 oder 8.9%). Diese Erzählungen stammen von 9 verschiedenen ErzählerInnen (total 15 ErzählerInnen). Bei vier ErzählerInnen machen die nicht kategorisierbaren Erzählungen weniger als 10% der von Ihnen erzählten Erzählungen aus. Bei einem Erzähler war eine von vier Erzählungen nicht kategorisierbar. Bei zwei ErzählerInnen liegt der Anteil an nicht kategorisierbaren Erzählungen leicht über 10%. Auffallend sind weitere zwei Erzähler, von deren Erzählungen 25% beziehungsweise 50% nicht kategorisiert werden konnten. Die Erzählungen dieser beiden Erzähler werden nun genauer betrachtet, zusammen machen sie 16 der 31 nicht kategorisierbaren Erzählungen aus (siehe Tabelle 7). Bei nur drei Erzählungen war keine Ich-Erzählperson vorhanden.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |