Durch die Erfahrungen und Erkenntnisse der ersten drei Kodierdurchgänge ist ein Raster entstanden, mit dessen Hilfe nun alle 347 Erzählungen erfasst werden können. Das Raster hat die Ausprägungen persönlich-öffentlich, konstruktiv-destruktiv, aktiv-passiv und postitiv-negativ-null. Jede Erzählung wird also auf 4 Merkmale hin untersucht. Theoretisch scheinen 24 Kombinationen dieser 4 Merkmale möglich. Diese Kombinationen wären somit die postulierten Erzählmuster.
Die Namen der einzelnen Kombinationen sind dabei nicht wörtlich zu nehmen, sie stehen stellvertretend für prototypische 'Erzähl-Gestalten' und dienen nur der Orientierung. 'Aufbruch' kann deshalb gerade so gut für 'Initiative' stehen wie für 'Angebot'. Die Subkategorien und Namen sind den in Tabelle 7 zu Gruppen zusammengefassten Kodes aus dem dritten Kodierdurchgang entlehnt, sie sollen später noch genauer und prägnanter formuliert werden.
24 mögliche Kombinationen ergeben postulierte prototypische Erzählmuster (Namen provisorisch aus Kodes generiert):
Persönlich Konstruktiv Aktiv Positiv: 'Aufbruch' ins 'Glück'
Persönlich Konstruktiv Aktiv Negativ: 'Aufbruch' ins 'Pech' Heil,
Persönlich Konstruktiv Aktiv Null: 'Aufbruch' ohne 'Folgen' Zuneigung
Persönlich Konstruktiv Passiv Positiv: 'Geschenk' des 'Himmels' und
Persönlich Konstruktiv Passiv Negativ: 'Geschenk' mit negativen 'Folgen'
Vertrauen
Persönlich Konstruktiv Passiv Null: 'Geschenk' ohne 'Folgen'
Persönlich Destruktiv Aktiv Positiv: 'Ablehnung' zum 'Guten'
Persönlich Destruktiv Aktiv Negativ: 'Ablehnung' gefolgt von 'Leid' Ablehnung,
Persönlich Destruktiv Aktiv Null: 'Ablehnung' ohne 'Folgen' Kränkung
Persönlich Destruktiv Passiv Positiv: 'Kränkung' 'überwunden'
und Leid
Persönlich Destruktiv Passiv Negativ: 'Kränkung' gefolgt von 'Leid'
Persönlich Destruktiv Passiv Null: 'Kränkung' ohne 'Folgen'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Positiv: 'Prüfung' 'gemeistert'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Negativ: 'Prüfung' 'vertan'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Null: 'Prüfung' ohne 'Folgen' Status
Öffentlich Konstruktiv Passiv Positiv: 'Ehrung' in Erfolg 'umgesetzt'
Ansehen
Öffentlich Konstruktiv Passiv Negativ: 'Ehrung' wird zum 'Problem' und
Heilung
Öffentlich Konstruktiv Passiv Null: 'Ehrung' ohne 'Folgen'
Öffentlich Destruktiv Aktiv Positiv: 'Forderung' wird 'erfüllt'
Öffentlich Destruktiv Aktiv Negativ: 'Forderung' wird 'abgelehnt' Anklage,
Öffentlich Destruktiv Aktiv Null: 'Forderung' ohne 'Folgen' Kontrolle
Öffentlich Destruktiv Passiv Positiv: 'Strafe' wird 'überstanden'
und Gewalt
Öffentlich Destruktiv Passiv Negativ: 'Strafe' wird zum 'Verhängnis'
Öffentlich Destruktiv Passiv Null: 'Strafe' bleibt ohne 'Folgen'
Praktisch geschieht die Kategorisierung der 349 Erzähltexte nun in einer
einfachen Tabelle, da es nicht mehr notwenig erscheint, einzelne Textstellen
präzise individuellen Kodes zuordnen zu können. Die Tabelle lässt
sich einfacher quantitativ auswerten, als eine (unsichtbare) Hyperlink-Struktur
wie eine hermeneutische Einheit im Atlas-Ti.
Bei der Kategorisierung der 349 Erzähltexte sind also nun definitiv die folgenden Fragen massgebend:
1. Handelt es sich um eine persönliche Erzählsituation (storyline)?
2. Handelt es sich um eine öffentliche/institutionelle Erzählsituation
(storyline)?
3. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich konstruktiven
Ereignissen?
4. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich destruktiven
Ereignissen?
5. Positioniert sich die/der Ich-ErzählerIn zu Beginn aktiv?
6. Wird die/der Ich-Erzähler zu Beginn positioniert?
7. Verändert sich die Position der Ich-Erzählerin zu ihren Gunsten?
8. Verändert sich die Position der Ich-Erzählerin zu ihren Ungunsten?
9. Bleibt die Position der Ich-Erzählerin unverändert?
Bei der Kategorisierung ergaben sich verschiedene Probleme: Einerseits können gewisse Geschichten nicht einer einzigen Erzählsituation (storyline) zugeordnet werden. Manchmal - selten - überlagern sich mehrere Erzählsituationen. Ein weiteres Problem tauchte bisweilen auf: Manchmal ist sich die Ich-Erzählerin nicht sicher, ob sie sich selbst aktiv postitioniert hat, oder passiv in eine Postition gedrängt wurde. Die Probleme wurden dadurch umgangen, dass bei solchen Spezialfällen mehrere Felder gleichzeitig markiert werden können.
So können die ersten sechs Felder (Fragen 1-6) im Extremfall alle gleichzeitig markiert werden, wenn sich in einer Erzählung verschiedene Erzählsituationen (storylines) überschneiden. Diese Erzählungen sind dann Sonderfälle, die nicht mehr innerhalb der oben in Tabelle 5 aufgeführten 24 Kombinationen erscheinen. Die übrigen Felder (Fragen 7-9) sind Alternativen; die Entwicklung für die Ich-Figur ist qualitativ zu bestimmen. Es kann nicht gleichzeitig eine negative und eine postitive Entwicklung (im Hinblick auf die Position) stattfinden.
Bei manchen Erzählungen fehlt eine Ich-Erzählfigur gänzlich. Sie wurden entsprechend markiert. In einem Fall wurde die selbe Geschichte zwei Mal erzählt, mit kleinen Unterschieden. Bei einem Patienten entstand verschiedentlich der Eindruck, es handle sich bei den vorliegenden Erzähltexten nicht um transkribierte Alltags-Erzählungen sondern um Tagebucheinträge oder dergleichen. Auch diese sonderbaren Erzähltexte wurden speziell markiert. Sie werden im folgenden Ergebnisteil gesondert erwähnt.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |