Positionierungen im Personen-Geschichten-Raum

Auch das Konzept der 'Position' soll nun noch weiter verfeinert werden: Nicht alle Positionierungen geschehen gewollt (absichtliche/erzwungene Positionierungen, siehe Langenhove & Harré, S. 24). Man kann sich selbst willentlich oder stillschweigend positionieren, wird aber ebenso häufig von den anderen positioniert. Eine Unterscheidung der Positionierungsprozesse in 'wollen' und 'gewollt werden' scheint möglich. 'Wollen' meint dabei absichtliche oder stillschweigende Selbst-Positionierungen, 'gewollt werden' erzwungene Selbst-Positionierungen.

Im Grunde genommen können vier Formen von Positionierungen auftreten (Langenhove & Harré, S.26): Absichtliche Selbst-Positionierungen, erzwungene Selbstpositionierungen, absichtliche Fremd-Positionierungen und erzwungene Fremd-Positionierungen. Eine absichtliche Selbst-Positionierung ist eine Selbstdarstellung im klassischen Sinne. Eine erzwungene Selbst-Darstellung kann beispielsweise durch eine Befragung ausgelöst werden (etwa mit: "Wie geht es dir denn so?"). Eine absichtliche Fremd-Positionierung liegt dann vor, wenn jemand eine andere Person - anwesend oder nicht - mit Absicht positioniert (Beispiel: "Du bist schuld daran!"). Wenn die andere Person abwesend ist, ergibt sich die klassische Situation des 'Klatschgesprächs'. Eine erzwungene Fremd-Positionierung erfolgt dann, wenn jemand eine andere Person dazu zwingt, jemanden dritten zu positionieren (Beispiel: "Sag du ihm, dass er aufhören soll!").

Im Prinzip gibt es also zwei Hauptformen von Positionierungen, die Selbst- und die Fremd-Positionierungen. Dabei gibt es je zwei Unterformen, die absichtlichen und die erzwungenen Positionierungen. Es sind also vier Kategorien von Positionen denkbar.

Anhand von unserem schon zitierten Beispiel von der Hausfrau sieht man, dass die Ich-Erzählerin sich einerseits als (gelangweilte) Hausfrau positioniert, wobei nicht klar wird, ob sie das absichtlich macht, oder dazu gezwungen wird. Diese Positionierung als Hausfrau ist aber für die storyline weniger wichtig. Wichtiger scheint hier zu sein, dass sich die Ich-Erzählerin als Ratsuchende positioniert, und das mit Absicht. Niemand hat sie zu ihrer Mutter geschickt, die Mutter sie nicht nach ihren Sorgen gefragt, zumindest wird das in der Erzählung nicht deutlich. Die zentrale Positionierung zu Beginn der Handlung ist also eine absichtliche Selbst-Positionierung.


Fremdpositionierungen kommen in Erzählungen - so nehme ich an - eher selten vor, es dürften 'performative' Positionierungen vorherrschen (Langenhove & Harré, 1999). Diese performativen Positionierungen ergeben sich unmittelbar aus den erzählten Ereignissen, sind auf der 'untersten' Ebene anzusiedeln. Weil diese in den Alltags-Erzählungen dominieren, sollen also nur performative Selbstpositionierungen erfasst werden. Absichtliche Selbstpositionierungen werden als 'aktiv' bezeichnet, erzwungene Selbstpositionierungen als 'passiv' (jeweils aus Blickwinkel der Ich-ErzählerIn).

Die Aktivität und Initiative der Erzählperson wurde auch schon auf andere Art und Weise formalisiert. Boothe et al. (2000, S.99) formlulieren das 'Akteur-Schicksal' folgendermassen: "Die episodischen oder Kernsegmente einer Erzählung setzen sich überwiegend aus Subjekt-Prädikat-Einheiten zusammen. Die Subjekte stehen in 'Akteur'-Position. Die Erzählung kann stets denselben Akteur haben oder insgesamt mehrere unterschiedliche Akteure. Wir können uns fragen, wie der Akteurstatus im Erzählkern besetzt ist. Um dies herauszufinden, bestimmen wir, welches charakteristische Muster die vom erzählten Ich entfaltete Initiative im Handlungsablauf bildet. 'Initiative' wird für den spezifischen Zweck ausschliesslich formal definiert: als Häufigkeit der grammatikalischen Subjektposition im narrativen Kern der individuellen Erzählepisode. Für die Bestimmung des Akteurschicksals werden lediglich Kernsegmente, nicht aber Rahmensegmente berücksichtigt."

Boothe et al. unterscheiden zwischen Ich- und Fremdinitiative. Ein Akteur kann zu Beginn ich-initiativ sein, im Verlauf der Geschichte die Initiative abgeben oder behalten, und zum Ende der Geschichte die Initiative wiedergewinnen. Initiative wird dabei rein grammatikalisch-formal definiert. In meiner Untersuchung sollen nicht die Begriffe Selbst- und Fremd-Initiative verwendet werden, sondern die Beschreibungen 'aktiv' und 'passiv', um die Art und Weise der Positionierung der Ich-ErzählerIn zu Beginn der Erzählung zu beschreiben. Problematisch bei einer grammatikalisch-formalen Definition der Position der Ich-Erzählperson könnte sein, dass Passiv-Formulierungen als Selbst-Initiative gewertet werden, wo aus dem Blickwinkel der Positionierungs-Theorie klar wird, dass es sich um eine erzwungene Selbstpositionierung handelt. Die Positionierung geschieht sozusagen 'passiv'. Eine anderer Unterschied wäre die Tragweite der Kodierung. Das Akteurschicksal meint einzelne 'Subjekt-Prädikat-Einheiten, während die Positionierung ein globaleres Merkmal der Erzählung - eng verknüpft mit der Erzählsituation (storyline) - bildet.
'Aktiv' heisst also, eine Ich-Erzählerin schildert, wie sie sich gegenüber jemandem anderen aktiv postitioniert hat. 'Passiv' dagegen heisst, eine Ich-Erzählerin erzählt, wie sie von jemandem anderen gezwungen wurde, sich zu positionieren, also 'passiv' in die Position hinein gezogen wurde.

Die Formalisierung der Positionierungen als 'aktive' und 'passive' erlaubt auch die Erfassung von Fremdpositionierungen, wenn diese auch selten vorkommen dürften: Wird eine zeite Figur durch die Ich-Erzählerin positioniert (Fremdpositionierung), dann soll das als 'aktiv' gewertet werden, denn eine Fremdpositionierung bedeutet auch implizit eine aktive Selbstpositionierung. Wenn zum Beispiel eine Ich-Erzählerin jemandem vorwirft, seinen Verpflichtungen nicht nachzukommen, dann ist das eine absichtliche moralische Fremdpositionierung. Gleichzeitig ist es aber auch eine absichtliche, moralische Selbstpositionierung - denn die Ich-Erzählerin gibt sich indirekt das Recht, dem Andern einen Vorwurf zu machen. Wir würden also hier von einer 'aktiven' Positionierung sprechen.

Entwicklungen von Geschichten: Bewegungen im Personen-Geschichten-Raum?

Was ist eine Entwicklung? - Ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Positionen können sich ändern, zu Gunsten oder zu Ungunsten von beteiligten Personen. Es kann sich auch nichts tun, die Positionen bleiben die selben, nur das Wetter ändert sich - um ein Beispiel zu geben. Es gibt also drei Möglichkeiten: Entwicklung zu Gunsten des/der Protagonisten/in, Entwicklung zu Ungunsten des/der Protagonisten/in und keine Entwicklung des/der Protagonisten/in im Hinblick auf sein soziales Umfeld. Ohne Kontext kann es keine Entwicklung geben, denn eine Position ist nur eine Position in einem sozialen Kontext.

Wie schon beschrieben postuliert auch Gergen (1995) drei Verlaufsformen für Erzählungen: Die erste Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt her in die (evaluativ) positive Richtung auf den Endpunkt hin. Diese Form entspricht der Erzählung einer durchwegs positiven Entwicklung des Protagonisten ("Ich lernte, meine Scheu zu überwinden und wurde offen gegenüber anderen Menschen"). Eine weitere Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt in die negative Richtung und entspricht somit einer Erzählung einer Katastrophe ("Ich konnte die Ereignisse in meinem Leben nicht mehr kontrollieren"). Die dritte mögliche Grundform verläuft stabil in Richtung auf den Zielzustand hin, ist evaluativ neutral ("das Leben geht weiter"). Gergen nennt diese drei Formen 'progressiv', 'regressiv' und 'stabil'.

Am oben angeführten Beispiel von der hilfesuchenden Hausfrau lässt sich zeigen, dass keine Entwicklung zu Gunsten der Protagonistin stattfindet. Es wird keine Problemlösung gefunden. Ein Vorschlag wird zwar gemacht, aber die Positionen verändern sich nicht. Die Protagonistin bleibt die Ratsuchende mit ihrem Problem.
Wenn sich die Position (verstanden als Konglomerat von persönlich-sozialen Rechten, Pflichten und Freiheiten) des Ich-Erzählers verbessert, dann ist die Entwicklung 'positiv' oder nach Gergen 'progressiv'. Dies kann durch eine Aktivität des Ich-Erzählers geschehen, aber ist auch durch Aktivität von aussen möglich (unerwartete Hilfe, glückliche Fügung). Wenn sich die Position des Ich-Erzählers verschlechtert, dann ist die Entwicklung dementsprechend 'negativ' oder nach Gergen 'regressiv'. Wenn sich nichts tut, die Positionen innerhalb der Geschichte unverändert bleiben, dann ist die Entwicklung gleich 'null' ('stabil').

weiter

Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser