Dritter Kodierdurchgang: Fokussierte Leitfragen

Situation der Erzählung im Personen-Geschichten-Raum

Die Kodierung von 'Situationen' verläuft nach der erfolgten Konzeptionierung und Formulierung der Leitfrage nach der vorliegenden Erzählsituation als Ort im Personen-Geschichten-Raum strukturierter.

Es zeichnet sich nach 150 kodierten Geschichten eine Gruppe von 45 Kodes zum Fokus der 'Situation' ab. Diese 45 Kodes scheinen sich einerseits in einer sozialen Dimension zu unterscheiden, es gibt Kodes, die sich eher in einem persönlichen oder privaten Umfeld ansiedeln lassen und andere, die sozusagen öffentliche Dinge betreffen. Persönliche Ereignisse finden in unmittelbarer Nähe einer Person statt. Betroffen sind die Hauptperson und vertraute Zweite wie Partner, Freunde, Familienmitglieder oder Verwandte. Denkbar sind auch innerliche, unsichtbare Vorgänge, wie etwa stille Ablehnung, Ekel, seelische Verletzung.

Öffentliche Ereignisse geschehen dem gegenüber im 'offenen' sozialen Raum, sind sichtbar (zumindest wären sie es - wie die medizinische Behandlung) und betreffen eine grössere Gruppe von Beteiligten, die der Hauptperson weniger vertraut oder gänzlich unbekannt sind. Öffentliche Institutionen und deren Mitglieder sind beteiligt. Es wird ausgebildet, geschult, gearbeitet, therapiert. Es gibt Ansehen und Preise zu gewinnen. Man kann aber auch bestraft oder von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Van Langenhove & Harré (1999) sprechen - im Zusammenhang mit Positionierungen - von persönlichen und moralischen Positionierungen, wobei sie mit persönlich die 'Individualität' der positionierten Person meinen, mit moralisch deren gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen.

Die Entscheidung für die Situierung einer Erzählung im Personen-Geschichten-Raum könnte also durch die folgenden Fragen erleichtert werden: Geht es um eine 'persönliche' oder eine 'öffentliche' Angelegenheit?

Eine weitere Unterscheidung könnte man dahingehend machen, ob es sich um eine Erzählung handelt, in der es im weitesten Sinne um Handlungen und Geschehnisse geht, die in Richtung Harmonie zwischen den beteiligten Personen zielen oder nicht. Es gibt Geschichten, bei denen der Protagonist etwas erlebt, privat oder öffentlich, das daraufhin angelegt ist (von ihm selbst oder von anderen intendiert), harmonische Verhältnisse herzustellen, beziehungsweise eine Art von Gleichgewichtszustand zu erreichen.

In anderen Geschichten geschieht im Gegensatz dazu etwas, was die Harmonie oder das Gleichgewicht stört, sei es durch die Eigeninitiative des Protagonisten oder von aussen her, durch andere Beteiligte. So handeln viele Erzählungen, die sich eher im privaten Personen-Geschichten-Raum ansiedeln lassen, von Verletzungen, Beleidigungen, Abweisung, Enttäuschung, Kränkung. Im öffentlichen Raum geht es um Themen wie Kontrolle und Recht, Anklage, Forderung, Strafe. Zur Ermittlung der Ausrichtung einer Geschichte für den Erzähler könnte man sich auch fragen, in welche Richtung die Erzählsituation tendiert. Tendiert sie eher in Richtung Harmonie oder eher in Richtung Disharmonie?

Als zweite Frage käme zur Erleichterung der Verortung einer Erzählung im Personen-Geschichten-Raum also die nach der Harmonie hinzu. Hat die Story harmonie-bildende (oder sagen wir: 'konstruktive') oder harmonie-zerstörende ('destruktive') Ereignisse zum Inhalt? Mit konstruktiv ist dabei gemeint, dass harmonie-bildende, aufbauende, die Verhältnisse bewahrende oder verbessernde Ereignisse im Zentrum der Erzählung stehen. Destruktive Ereignisse sind dem gegenüber solche, die die herrschenden Verhältnisse destabilisieren, zerstören, angreifen. Sie zerstören die Harmonie und das Gleichgewicht, im Guten wie im Schlechten.
Es zeigt sich, dass eine weitere Verfeinerung der Konzepte 'persönlich' und 'öffentlich' und 'konstruktiv' und 'destruktiv' notwendig ist, um eine möglichst genaue Kategorisierung von Erzählungen zu ermöglichen. Die zwei postulierten Dimensionen Personen-Geschichten-Raumes (persönlich-öffentlich und konstruktiv-destruktiv) müssen deshalb möglichst klar konzeptuell abgegrenzt werden:

Persönliches betrifft in erster Linie einen selbst. Es dreht sich bei diesen Erzählungen im weitesten Sinne um das Selbst. Selbstheil, Selbstschädigung, Selbstanerkennung, Selbstbestätigung, Selbstverlust. Die Erzählperson ist betroffen im Sinne der unmittelbaren Nähe aller beteiligten Personen. Es kann sich dabei auch um innere, private und unsichtbare Vorgänge handeln. Es sind aber auch Ereignisse, die im engen familiären Rahmen von unmittelbaren Bezugspersonen sich ereigen (significant others). Öffentliche Erzählsituationen drehen sich dagegen um Autorität und Anerkennung, Einfluss, Macht, Behandlung und Entwicklung einer öffentlichen Person. Das soziale Umfeld ist sowohl bei persönlichen, als auch bei öffentlichen Diskursthemen beteiligt, wenn auch im öffentlichen - in der Natur der Sache liegend - in einem umfassenderen Mass. Im Gegensatz zu persönlichen Ereignissen sind hier grössere Gruppen von zum Teil unbekannten Personen in einem sozusagen öffentlichen sozialen Raum betroffen. Es kommen institutionelle Rollenverteilungen ins Spiel (z.B. ÄrztIn,TherapeutIn, LehrerIn, SchülerIn, KollegInnen, Vorgesetzte, KundInnen, entfernte Verwandte).

Konstruktiv heisst, die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Erhaltung oder einen Aufbau der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Destruktiv meint demnach, die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Veränderung oder Zerstörung der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Diese intendierten Veränderungen oder Zerstörungen sollen hier nicht moralisch sondern qualitativ gewertet werden. Destruktive Ereignisse können auch - im moralischen Sinne - positiv sein. Eine Anklage, eine Abweisung oder eine Forderung sind in einem gewissen Sinn destruktiv, da sie eine Veränderung wollen.

Die 45 Kodes, die zur Beschreibung der 'Situation' generiert wurden, konnten versuchsweise in die vier Quadranten des postulierten Personen-Geschichten-Raumes eingeteilt werden. Es entstanden die provisorischen Sub-Kategorien 'Status, Ansehen und Macht' (öffentlich-konstruktiv), 'Moral und Recht' (öffentlich-destruktiv), 'Selbstheil, Zuneigung und Vertrauen' (persönlich-konstruktiv) und 'Kränkung und Leid' (persönlich-destruktiv).

In diesem Versuch, Dimensionen des Aspektes der 'Situation' zu beschreiben sind thematisch ähnliche Positionierungsräume zusammengefasst dargestellt. Es handelt sich dabei um thematische Teilbereiche von Positionierungsräumen einschliesslich ihrer impliziten Spielarten. (Ebenen der Positionierung etc.) Man könnte vielleicht sagen, dass es sich um 'Mengen von Positionierungen' handelt oder um 'Positionierungs-Spielräume', 'Sphären im Personen-Geschichten-Raum'.

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser