Fokus 'Entwicklung'

Die Entwicklung beschreibt - so mein Entwurf von oben - die Ereignisse, Reaktionen, Gedanken und Erkennntisse, die sich aus der Ausgangssituation im Laufe der Geschichte ergeben. Im Vergleich mit der Positionierung/Storyline/Handlung-Triade von Langenhove & Harré (1999) ergeben sich folgende Gemeinsamkeiten und Unterschiede:

Handlung (act-action) verstehen Langenhove & Harré als sprachliche oder parasprachliche Handlungen, deren soziale Wirkung (social force) durch die Positionierung des Sprechers (position) und die erzählte Geschichte (storyline) beeinflusst wird (S.17f). Die Handlungen haben eine illokutive Funktion, indem sie zu Handlungen des Gegenübers auffordern und sie haben perlokutive Wirkungen, indem sie im Hörer Gefühle, Gedanken und Handlungen hervorrufen. Die intendierte Wirkung einer Sprechhandlung führt keineswegs immer zum erwünschten Ergebnis. Perlokutive Wirkungen sind unberechenbar. Aufforderungen werden misachtet, Positionierungen abgelehnt oder zum Gegenstand von Verhandlungen gemacht. Positionierungen können aber auch akzeptiert werden, wie ich es am Beispiel der fiktiven Rehabilitations-Story oben gezeigt habe. Dort wird die aufgezwungene ungerechte Position von der Ich-Figur abgelehnt, sie nimmt eine andere Position ein, die ihren Augen gerechte, was von den anderen Figuren akzeptiert wird. Die Ich-Figur ist also rehabilitiert. Die Entwicklung ist die Wiederherstellung der Gerechtigkeit oder eben das Erreichen der Akzeptanz der 'richtigen' Postition der Ich-Figur durch die andern. Die Entwicklung könnte man also formulieren als die Veränderung der Positionen im Verlauf der Geschichte. Eine Entwicklung findet so nur dann statt, wenn sich die Positionen in irgend einer Form verändern.
Was aber hat die Entwicklung mit der sozialen Wirkkraft von sprachlichen Handlungen zu tun? - Vielleicht könnte man den Zusammenhang mittels der diskursiven Natur aller Positionierungsprozesse erklären. Jemand nimmt eine Position ein - selbst- oder fremdbestimmt - und löst damit eine Reaktion aus, je nach dem welche (sprachliche) Handlung seine Positionierung begleitet. Die Reaktion des Gegenübers wiederum wirkt sich auf die Haltung der ersten Person aus und so weiter. Diese diskursiven Prozesse entwickeln sich in eine bestimmte Richtung.

Man könnte annehmen, dass der Prozess stabil verläuft, die Endsituation genau identisch ist wie die Anfangssituation, ohne dass sich daran je etwas geändert hat. Andererseits könnte der Prozess auch instabil sein, Positionen häufig wechseln, im extremfall unfassbar werden. Es wäre auch denkbar, dass der Prozess sich in einen Meta-Prozess verwandelt, etwa, wenn der Diskurs selbst zum Gegenstand eines neuen Diskurses wird. Die Leitfrage lautet also: 'In welche Richtung entwickelt sich die Erzählung in Bezug auf die Positionen?'

Zusammenfassend die drei Leitfragen zur Kodierung im dritten Durchgang:

Was für eine Erzählsituation ('Feld' im Personen-Geschichten-Raum) liegt vor?
Welche ist die Position der Ich-Figur auf dem 'Spielfeld'? (Welche ist die reflexive/reflektierende Position des/der ErzählerIn?)
In welche Richtung entwickelt sich die Erzählung im Bezug auf die Positionen?

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser