Innerhalb der Geschichten kann es theoretisch verschiedene Arten von Positionierungen geben. Die erste Unterscheidung ist die zwischen Positionierungen erster und zweiter Ordnung. Positionierungen erster Ordnung sind 'natürliche' Positionierungen von Personen in einem sozialen Spielfeld, indem sie verschiedene mögliche und allgemein bekannte Kategorisierungen und Erzählmuster verwenden. Positionierungen zweiter Ordnung beziehen sich auf Positionierungen erster Ordnung und verneinen diese oder machen sie zum Gegenstand von Verhandlungen.
Eine weitere Unterscheidung von Positionierungen bezieht sich auf die Unmittelbarkeit der Positionierungen. Positionierungen erster und zweiter Ordnung können in einem Fluss einer Geschichte vorkommen. Sie sind sozusagen performativ, determiniert durch den Ablauf der Story. Eine Positionierung, die darüber hinausgeht, die sich dieser performativen Positionierungen annimmt und sie reflexiv verarbeitet könnte man als zuordnende oder reflexive Positionierung bezeichnen. Diese können als Positionierungen zweiter oder dritter Ordnung auf der Ebene des Sprechens über das Sprechen oder eben der Positionierung gegenüber (vergangener) Positionierungen gesehen werden.
Eine weitere Unterscheidung kann zwischen Positionierungen, die sich auf Konventionen stützen und solchen, die auf persönliche Haltungen abzielen, gemacht werden. Manche Positionierungen ergeben sich automatisch und sind verständlich durch die konventionelle Rolle des Inhabers, etwa eines/einer PolizistIn. Andere sind gänzlich in einem persönlichen Raum zu verorten, etwa in freundschaftlichen Beziehungen. Langehove & Harré sprechen in diesem Zusammenhang von moralischen (sozusagen 'öffentlichen') und persönlichen (sozusagen 'privaten') Positionierungen.
Positionierungen sind, je weniger deutlich feste Rollenbilder beteiligt sind, desto mehr Gegenstand von Verhandlungen. Indem sich jemand selbst positioniert, positioniert er/sie auch sein/ihr Gegenüber. Dieses Gegenüber sieht sich einer Position zugewiesen und kann diese annehmen, ablehnen oder zum Gegenstand einer Auseinandersetzung machen. Positionierungen finden also meistens in einem diskursiven Prozess statt. Sie können zum Gegenstand von intentionalen Handlungen gemacht werden, bewusst eingenommen oder bewusst verneint werden.
Wenn man das Konzept der Position nach Van Langenhove & Harré (1999, S.29) auffasst als Ort im Personen-Konversationen-Raum, festgelegt durch Rechte und Pflichten des Sprechens im Hinblick auf die konversationellen Machtverhältnisse an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, dann erkennt man, wie unstabil und vielfältig Positionen sein können. Positionierung als sozialer Prozess kann somit verstanden werden als die dynamische Herstellung und Erklärung alltäglichen Handelns durch die beteiligten Personen. Es scheint also vernünftig zu sein, anzunehmen, dass in der Psychotherapie - vereinfachend verstanden als Diskurs über das seelische Leid des Klienten - auch Prozesse des Klärens und Er-klärens von Positionen und Positionierungen ablaufen. Damit scheint das Konzept der Positionierung als solches geeignet, Erzählungen in der Psychotherapie zu untersuchen. Folgende Fragestellungen könnte man im Zusammenhang mit Erzählungen behandeln:
Welche Position nimmt die Ich-Figur (oder Hauptfigur) in der Erzählung
ein?
Ist es eine selbstgewählte Position oder wird sie der Ich-Figur aufgezwungen?
Wenn es eine selbstgewählte Position ist, wird sie von anderen Figuren
in Frage gestellt?
Wenn es seine aufgezwungene Position ist, wird sie von der Ich-Figur in Frage
gestellt?
Welche Arten von Positionierungen kommen in der Erzählung vor (erster,
zweiter, dritter Ordnung)?
Worum geht es in der Geschichte?
Folgen die Handlungen den Vorgaben durch Positionierung und Thema (storyline)?
Entwickelt sich die Geschichte inklusive ihrer Positionen und in welche Richtung?
Findet eine Auflösung der Positionen, eine Festigung oder ein Positions-wechsel
statt?
Aus diesem post-strukturalistischen Blickwinkel heraus erscheinen Erzählungen - im Gegensatz etwa zu gelebten Konversationen oder Geschichten ('lived narratives') als mehr oder weniger bewusst reflektierte und im Nachhinein rekonstruierte Positionierungen und Handlungen auf verschiedenen Ebenen. Ein/e ErzählerIn kann beispielsweise seine/ihre stillschweigende, unwillkürliche Positionierung gegenüber einer anderen Figur darstellen, die Reaktionen und Gegenreaktionen anfügen und sich reflexiv dazu äussern.
Im oben angeführten Beispiel der gelangweilten Hausfrau beschreibt die Erzählerin ihre Positionierung gegenüber der Mutter als einer klagenden/ratsuchenden Tochter. Darauf schildert sie die Reaktion der Mutter, die eine leicht herablassend/beratende Position einnimmt, komplementär zur klagend/ratsuchenden Position der Tochter. Die Erzählerin reflektiert jedoch die erzählten Positionierungen in diesem Beispiel nicht (zumindest wird das in diesem Erzähltext nicht deutlich). Das würde eine Positionierung zweiter Ordnung verlangen. Was wir nicht erfahren, ist, ob sich die Erzählerin in diesem konkreten Beispiel nicht etwa innerlich, privat gegenüber der Positionierung der Mutter positioniert. Das könnte beispielsweise geschehen, indem sie sich sagt: "sie will mich immer bei sich haben", "hättest du gerne" oder "meine Mutter hat mich noch nie verstanden".
Grundsätzlich könnte man wohl die meisten Erzählungen in der
Psychotherapie als kurze biografische Ausschnitte bezeichnen. Davon ausgehend,
dass diese Darstellungen nicht im Sinne einer Lüge bewusst verfälscht
werden - dazu sollte in einem psychotherapeutischen Vertrauensverhältnis
kein Anlass gegeben sein - erhalten wir also Einblicke in ein Geschehen, das
man als eine Folge 'narrativer' Identitätsbildung auffassen könnte.
Der Erzähler/die Erzählerin lässt eine vergangene Situation Revue
passieren vor sich selbst und dem Zuhörer/der Zuhörerin. Darin positioniert
er/sie sich selbst so wie er/sie sich sieht. Diese Position ist also ein Fragment
eines Selbstbildes, ein mögliches Selbst, ein selbst besetztes Feld im
Personen-Geschichten-Raum.
Dabei ist es nicht so wichtig, ob eine Geschichte aus dem Blickwinkel des distanzierten
Betrachters in der Gegenwart (Beispiel: "Dann sagte sie ich solle sofort
gehen.") oder des im Erzählen ergriffenen Betroffenen (Beispiel: "Sagt
sie: 'Mach, dass du fortkommst'."). Bezüglich der Positionierung bleibt
es sich gleich, egal welche erzähl-technischen Mittel ein Erzähler
wählt.
Für die Kodierung der Erzählung bleiben vorerst die Leitfragen: (a)
'Welche ist die Position der Ich-Figur?' und (b) 'Welche ist die reflexive Position
des/der ErzählerIn?' - Wobei man bei (a) schon ahnen könnte, dass
man unterscheiden muss zwischen selbstgewählten und aufgedrängten
Positionen - bei (b) zwischen rein reflexiven Positionen ("ich bin halt
so") und die Positionierungen der Erzählung reflektierenden Positionen
("in dieser Situation war ich so").
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |