Untersuchung: Zweiter Kodierdurchgang mit Fokus auf 'Situation', 'Position' und 'Entwicklung'

Die Konzepte 'Situation', 'Positionierung' und 'Entwicklung' sollen verfeinert und mit Subkategorien versehen werden. Die Anzahl dieser Subkategorien kann beliebig sein. Es soll geprüft werden, ob eine überschaubare Anzahl Subkategorien möglich ist. Die neuen Kodes werden - im Rahmen des jeweiligen Fokus - wiederum nach der Methode des offenen Kodierens generiert. Beim Durchkodieren wird der Fokus als Rahmen der Fragestellung verwendet (anders als beim ersten Durchgang). Dieser Fokus wäre also erstens die Situation als psycho-soziale Konstellation von Figuren und Umständen, dann zweitens die Postition als individueller Standpunkt des Ich-Erzählers beiziehungsweise der Hauptfigur und drittens die Entwicklung als dynamisches Element der Geschichte beispielsweise im Sinne einer Komplikation/Resolution oder einer Katastrophe.

Fokus 'Situation'

Beim Kodieren mit dem Fokus auf den Aspekt der 'Situation' entstand das Bedürfnis, den Begriff 'Situation' enger zu fassen, denn die 'offen' erstellten Kodes blieben sehr heterogen (Codes nach 43 kodierten Geschichten siehe Tabelle 6). Was ist die Situation? Welche Situation liegt vor? Wie sollen die Namen von Situationen beschaffen sein? Was sollen sie abbilden? - Eine mögliche Konzeption könne sein, die Situation als 'Raum möglicher Positionen und Entwicklungen' zu verstehen, sozusagen als 'Spielraum' der Geschichte. Bei Dostojewskij's 'Verbrechen und Strafe' beispielsweise wäre der Spielraum durch den Titel schon bezeichnet, die Geschichte muss sich also in dessen Grenzen entwickeln. Also könnte die Situation eine Art Titel sein, wobei sowohl der Raum der möglichen Positionen für Figuren, als auch die Freiheitsgrade der Entwicklung darin nach Möglichkeit abgebildet sein sollten.

Van Langenhove & Harré (1999) entwickelten zur Beschreibung von alltäglichen Konversationen eine Triade von Position, deren soziale Macht (social force of) und Geschichte (storyline, S. 18). Möglicherweise macht es Sinn, auch bei der Analyse von Erzählungen erst von den 'Positionen' auszugehen und dann zu schauen, was für eine 'Machtfülle' oder welcher 'Spielraum' diese zulässt in einem sozialen Kontext und wie sich das Geschehen entwickelt. Die Entwicklung wäre dann die 'Geschichte', die angibt, worum es sich dreht beim Spiel von Positionen und deren Wandel beschreibt.

Van Langenhove & Harré führen ein Beispiel an, bei dem es sich um ein Gespräch über Literatur handelt. Der eine Beteiligte fragt den anderen aus, ob er dieses und jenes Buch kenne. Die Autoren interpretieren das als Einnehmen einer 'Lehrer-Postition', identifizieren die Geschichte (storyline) als 'Instruktion', die entsprechend den eingenommenen Positionen abläuft. Es könnte geradesogut sein, dass sich einer der Beteiligten gegen die Positionierung wehrt und sich aus der Situation befreit. Dies meinen die Autoren offensichtlich mit der sozialen Macht der Positionierung. Man kann sie ausüben, sich darin fügen oder sich davon befreien. Van Langehove & Harré meinen "neither storylines nor positions are freely constructed. ... (the conversation) reflects narrative forms already existing in the culture, which are part of the repertoire of competent members, who ... can jointly construct a sequence of position/act-action/storline triads (S. 19f)".

Das Konzept der 'Geschichte' oder des 'Themas' (storyline bei Langenhove & Harré), verstanden nach Genette als thematischer Inhalt der Erzählung, könnte man eventuell mit meinem Konzept der 'Situation' in Verbindung bringen. Langenhove & Harré verstehen ihr Konzept der storyline mal als Handlungsschema (Bsp. 'tutorial','instruction' S. 17f), mal als Erzählschema ('hard times', S.18). Es geht also allgemein darum, abstrahierend den grössten gemeinsamen thematisch-handlungsbezogenen 'Ort' einer Interaktion von sich positionierenden Akteuren zu benennen, gleichsam die 'Szene' zu verorten in einem Personen-Konversationen-Raum (persons/conversations referential grid, S.15). So gesehen deckt sich das Konzept der storyline weitgehend mit meiner Dimension der Situation, gefasst als Konstellation von Figuren, als Ausganglage, sozialer Situation oder Problemstellung. Allerdings meinen Langenhove & Harré Konversationen und nicht 'isolierte' Erzählungen. Dennoch scheint mir das Konzept der storyline übertragbar auf Erzählungen als 'monologische' Konversationen zu sein. Anstelle eines Personen-Konversationen-Raumes tritt dann ein Personen-Geschichten-Raum. Als Leitfrage könnte man formulieren: 'Was für eine Erzählsituation im Personen-Geschichten-Raum liegt vor?'

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Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser