An der Abteilung klinische Psychologie I der Universität Zürich wurden psychotherapeutische Gespräche aufgezeichnet und transkribiert. Daraus wurden Erzählungen nach der Methode von Boothe (1994, 2000) extrahiert. Diese vorliegenden 347 Erzählungen sollen auf typische Merkmale hin untersucht und beschrieben werden. Es stellt sich die Frage nach typischen Erzählmustern oder -verläufen in diesen Erzähltexten. Daraus könnten sich weitere, klinisch relevante Untersuchungen ergeben. Man könnte beispielsweise untersuchen, ob ein bestimmtes Erzählmuster von bestimmten PatientInnen bevorzugt wird oder ob sich die Wahl des Erzählmusters im Verlaufe einer Therapie verändert.
Die alltägliche Verwendung von Sprache ist in den letzten Jahrzehnten
ins Interessenfeld sozialwissenschaftlich-linguistischer Forschung gelangt (Ehlich,
1980; Holenstein, 1980). Die bis anhin vor allem den Literaturwissenschaften
angegliederte Narratologie wurde daraufhin durch vielfältige Zugänge
zum Gegenstand der Erzählung erweitert. In der Soziologie untersucht man
Gespräche in verschiedenen Kontexten (Brüggemeier, 1986; Settekorn,
1991; Schegloff, 2000). Die Linguisten interessieren sich schon seit den 1960er
Jahren für Alltagsgespräche und im speziellen auch für Geschichten
und möglicherweise darin verborgene Strukturen, so genannte Geschichtengrammatiken
(Lévi-Strauss, 1960). Die Psychologen und die Psycholinguisten interessieren
sich für Geschichten im Zusammenhang mit Gedächtnisforschung und Sprachproduktion
(Thorndyke & Yekovic, 1979; Hörmann, 1991; Pribram, 1995) und die Psychoanalytiker
möchten mehr über die in Geschichten enthaltenen unbewussten Strukturen
erfahren (Lorenzer, 1983; Hamburger, 1998; Schafer, 1995; Boothe, 1994).
In diesem interdisziplinären Feld der Gesprächsforschung nimmt nun
also die Erforschung von Alltagsgeschichten eine besondere Position ein. Die
Literaturwissenschaft hat schon seit Jahrhunderten Theorien der Erzählung
entwickelt (Petersen, 1977; Stanzel, 1991), die jedoch für die literarischen
Erzählungen erdacht wurden und die nun ihre Brauchbarkeit für alltägliche
'Stegreiferzählungen' erst noch unter Beweis stellen müssen. Die Aufmerksamkeit,
welche der literarischen Erzählung von literaturwissenschaftlicher Seite
her zuteil geworden ist, wird bei der Alltagserzählung durch psychologisches,
linguistisches und soziologisches Interesse ergänzt (Ehlich, 1980; Gülich
& Hausendorf, 2000). Dadurch entstand eine Vielfalt von neuen theoretischen
Ansätzen und eine angeregte interdisziplinäre Diskussion. In neuerer
Zeit wurde im speziellen die Frage nach einer Aufklärung von Formen und
Strukturen der Alltagserzählungen von Seiten der Sozial- und Sprachwissenschaften
wieder erneut gestellt (Gülich & Hausendorf, 2000).
Ein kleiner Forschungsbereich in der qualitativen Psychotherapieforschung richtet sein Augenmerk auf die Erzählungen von Patienten in der Psychotherapie (Boothe, 1994). Diese Erzählungen interessieren die klinischen Psychologen in verschiedener Hinsicht. Wie lassen sich Erzählungen von Patienten beschreiben und interpretieren? Lassen sich Zusammenhänge finden zwischen Merkmalen der Erzählung und der Diagnose des Patienten? Welchen Nutzen können Therapeuten aus der Analyse von Erzählungen gewinnen für ihre Arbeit?
Die folgenden Ausführungen wenden sich dem Problem der Erzählstruktur, dem Erzählmuster beziehungsweise dem Beschreiben des Erzählverlaufes zu. Patienten erzählen Geschichten. Sie inszenieren ein dramatisches Geschehen, wie ein Dramaturg ein Schauspiel oder ein Regisseur einen Film. Welche typischen Erzählmuster (plots) wählen sie? Welche Möglichkeiten des Erzählens schöpfen sie aus? Wie strukturieren sie ihre Geschichten? Wie lassen sich diese Erzählverläufe beschreiben? Das Ziel der Arbeit soll es sein, eine mögliche Beschreibung von thematischen Erzählmustern und gegebenenfalls Erzählverläufen von Alltagserzählungen zu entwickeln. Eine solche Beschreibung würde es erlauben, über Erzählmuster und Erzählverläufe in einer gewissen, begrenzten Weise zu sprechen und weiter am Gegenstand der Erzählung zu forschen.
In meiner Untersuchung möchte ich eine thematische Typologie der Alltagserzählung in der Psychotherapie entwerfen. Dabei werde ich mich möglichst nahe am Erzähltext orientieren, um mittels qualitativer Verfahren eine endliche Menge von Typen zu erstellen. Darüber hinaus interessiere ich mich für (typen-) spezifische Verlaufsmerkmale der Erzählungen. Ein Verlauf ist eine zeitliche Abfolge von Ereignissen oder die Entwicklung einer Situation in der Zeit. In einer Erzählung sind verschiedene Verläufe ineinander verwoben: erstens die Gesamtheit und der Verlauf der erzählten Ereignisse ('Geschichte'), zweitens der Verlauf der Erzählung als Diskurs, der von diesen Ereignissen erzählt, mit Zwischenbemerkungen, Rückblenden usw. als Darstellung mit entsprechenden performativen Charakteristika ('Erzählung') und drittens der Verlauf der Erzählung, die Tatsache der Erzählung in der (realen oder fiktiven) Erzählsituation, dem Erzählkontext mit einer funktionalen Verstrickung ('Narration').
Diese Dreiteilung wurde von Genette (1998) vorgeschlagen. Er schreibt: "Ich schlage vor, das Signifikat oder den narrativen Inhalt Geschichte zu nennen (auch wenn dieser Inhalt nur von schwacher dramatischer Intensität und ereignissarm sein sollte), den Signifikanten, die Aussage, den narrativen Text oder Diskurs Erzählung im eigentlichen Sinne, während Narration dem produzierenden narrativen Akt sowie im weiteren Sinne der realen oder fiktiven Situation vorbehalten sein soll, in der er erfolgt (S. 16)." Genette meint weiter "Narrativ ist die Erzählung durch den Bezug auf die Geschichte, und ein Diskurs ist sie durch den Bezug auf die Narration (S.17)".
Die vorliegenden Alltagserzählungen beziehungsweise Erzähltexte sollen also in erster Linie auf thematische Aspekte der Erzählung als Geschichte untersucht werden. Das heisst, es interessiert mich der Inhalt der Geschichte - und wie sich jener beschreiben lässt. Diese thematische Typologie von Alltagsgeschichten könnte dann in einem weiteren Schritt auf gestalterische Merkmale (im Sinne Genettes 'Erzählung als Diskurs') hin untersucht werden. Ansätze zur thematischen Typologisierung von Erzählungen finden sich beispielsweise bei Ehlich (1980), bei Rehbein (1980), bei Boothe (1994, 2000) und bei Brinker (1996, 1997).
Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden abschliessend im Zusammenhang mit der Erzählanalyse JAKOB (Boothe, 2000) diskutiert werden. Dazu werden Möglichkeiten weiterer Anwendungen der Ergebnisse in der klinischen Psychologie entworfen. So ist es etwa denkbar, dass eine Typologie von Alltagserzählungen für verschiedene weitere qualitative und quantitative Untersuchungen Anlass geben könnte. Man könnte etwa die Häufigkeiten von Erzähltypen beziehungsweise Erzählmustern bei einzelnen Erzählern mit deren klinischen Diagnosen vergleichen oder als Fallstudie den Verlauf von Erzählmustern in einer einzelnen Psychotherapie verfolgen.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |