An der Abteilung klinische Psychologie I des psychologischen Instituts liegen 347 Erzählungen von Psychotherapie-Patienten vor, die nach den Kriterien der Erzählanalyse JAKOB aus Ge-sprächstranskripten extrahiert wurden. Es stellte sich die Frage nach einer Typologisierung und Archivierung dieser Erzählungen. Nach den Methoden der 'grounded theory' und mit Hilfe des Computerprogramms 'Atlas-Ti' konnte ein Verfahren zur Kategorisierung von Alltags-Erzählungen entwickelt werden. Die Erzählungen wurden 24 Kategorien zugeordnet. Diese repräsentieren Erzählmuster, welche durch Kombinationen von Merkmalsausprägungen definiert sind. Die Merkmale sind: persönlich/öffentlich, konstruktiv/destruktiv, aktiv/passiv und positiv/negativ/null. 91% der Erzählungen konnten mit diesem Schema kategorisiert werden. Es ergab sich in Bezug auf die Merkmale folgendes Bild: 62% der Erzählungen handeln von eher persönlichen Themen, 38% von eher öffentlichen. 35% schildern im Grunde genommen konstruktive Ereignisse, 65% destruktive. Bei 40% der Erzählungen nimmt die Ich-Erzählperson aktiv eine Position zu Beginn der Handlung ein. Bei 60% der Erzählungen findet sich die Ich-Erzählperson zu Beginn der Handlung in eine Position gedrängt. Etwa bei der Hälfte der Erzählungen (47%) verändert sich die Position der Ich-Erzählperson während der geschilderten Geschehnisse, bei der anderen Hälfte (53%) bleibt es bei der zu Beginn beschriebenen Position. Bei 27% der Erzählungen verändert sich die Position der Ich-Erzählperson zu deren Gunsten, bei 20% zu deren Ungunsten. Die Erzählmuster-Häufigkeiten zeigen eine unregelmässige Verteilung. Am häufigsten erscheint das Erzählmuster 'Kränkung' mit 13%. Die zehn häufigsten Erzählmuster sind: 'Kränkung', 'Schuld', 'Aufbruch', 'Ablehnung', 'Kränkung überwunden', 'Beschenkung', 'Ablehnung mit negativen Folgen', 'Wiedergutmachung', 'Gewinnergeschichte' und 'Verlierergeschichte'. Sie decken 69% der Erzählungen ab, für die 14 seltenen Erzählmuster bleiben 31% al-ler Erzählungen. Die Häufigkeitsverteilung der Erzählmuster bleibt einigermassen konstant über verschiedene Stichproben-Teile. Die Erzählmuster-Häufigkeitsverteilungen der einzelnen Erzähler (Total 15) unterscheiden sich teilweise: Von sieben ausführlicher betrachteten ErzählerInnen fallen zwei auf: Eine Erzählerin hat im Vergleich zu den fünf anderen einen 'umgekehrten' Erzählstil und ein Erzähler einen 'gleichmässigen'. Ein Manual zur entwickelten Methode wurde erstellt.
An der Abteilung klinische Psychologie I der Universität Zürich wurden psychotherapeutische Gespräche aufgezeichnet und transkribiert. Daraus wurden Erzählungen nach der Methode von Boothe (1994, 2000) extrahiert. Diese vorliegenden 347 Erzählungen sollen auf typische Merkmale hin untersucht und beschrieben werden. Es stellt sich die Frage nach typischen Erzählmustern oder -verläufen in diesen Erzähltexten. Daraus könnten sich weitere, klinisch relevante Untersuchungen ergeben. Man könnte beispielsweise untersuchen, ob ein bestimmtes Erzählmuster von bestimmten PatientInnen bevorzugt wird oder ob sich die Wahl des Erzählmusters im Verlaufe einer Therapie verändert.
Die alltägliche Verwendung von Sprache ist in den letzten Jahrzehnten
ins Interessenfeld sozialwissenschaftlich-linguistischer Forschung gelangt (Ehlich,
1980; Holenstein, 1980). Die bis anhin vor allem den Literaturwissenschaften
angegliederte Narratologie wurde daraufhin durch vielfältige Zugänge
zum Gegenstand der Erzählung erweitert. In der Soziologie untersucht man
Gespräche in verschiedenen Kontexten (Brüggemeier, 1986; Settekorn,
1991; Schegloff, 2000). Die Linguisten interessieren sich schon seit den 1960er
Jahren für Alltagsgespräche und im speziellen auch für Geschichten
und möglicherweise darin verborgene Strukturen, so genannte Geschichtengrammatiken
(Lévi-Strauss, 1960). Die Psychologen und die Psycholinguisten interessieren
sich für Geschichten im Zusammenhang mit Gedächtnisforschung und Sprachproduktion
(Thorndyke & Yekovic, 1979; Hörmann, 1991; Pribram, 1995) und die Psychoanalytiker
möchten mehr über die in Geschichten enthaltenen unbewussten Strukturen
erfahren (Lorenzer, 1983; Hamburger, 1998; Schafer, 1995; Boothe, 1994).
In diesem interdisziplinären Feld der Gesprächsforschung nimmt nun
also die Erforschung von Alltagsgeschichten eine besondere Position ein. Die
Literaturwissenschaft hat schon seit Jahrhunderten Theorien der Erzählung
entwickelt (Petersen, 1977; Stanzel, 1991), die jedoch für die literarischen
Erzählungen erdacht wurden und die nun ihre Brauchbarkeit für alltägliche
'Stegreiferzählungen' erst noch unter Beweis stellen müssen. Die Aufmerksamkeit,
welche der literarischen Erzählung von literaturwissenschaftlicher Seite
her zuteil geworden ist, wird bei der Alltagserzählung durch psychologisches,
linguistisches und soziologisches Interesse ergänzt (Ehlich, 1980; Gülich
& Hausendorf, 2000). Dadurch entstand eine Vielfalt von neuen theoretischen
Ansätzen und eine angeregte interdisziplinäre Diskussion. In neuerer
Zeit wurde im speziellen die Frage nach einer Aufklärung von Formen und
Strukturen der Alltagserzählungen von Seiten der Sozial- und Sprachwissenschaften
wieder erneut gestellt (Gülich & Hausendorf, 2000).
Ein kleiner Forschungsbereich in der qualitativen Psychotherapieforschung richtet sein Augenmerk auf die Erzählungen von Patienten in der Psychotherapie (Boothe, 1994). Diese Erzählungen interessieren die klinischen Psychologen in verschiedener Hinsicht. Wie lassen sich Erzählungen von Patienten beschreiben und interpretieren? Lassen sich Zusammenhänge finden zwischen Merkmalen der Erzählung und der Diagnose des Patienten? Welchen Nutzen können Therapeuten aus der Analyse von Erzählungen gewinnen für ihre Arbeit?
Die folgenden Ausführungen wenden sich dem Problem der Erzählstruktur, dem Erzählmuster beziehungsweise dem Beschreiben des Erzählverlaufes zu. Patienten erzählen Geschichten. Sie inszenieren ein dramatisches Geschehen, wie ein Dramaturg ein Schauspiel oder ein Regisseur einen Film. Welche typischen Erzählmuster (plots) wählen sie? Welche Möglichkeiten des Erzählens schöpfen sie aus? Wie strukturieren sie ihre Geschichten? Wie lassen sich diese Erzählverläufe beschreiben? Das Ziel der Arbeit soll es sein, eine mögliche Beschreibung von thematischen Erzählmustern und gegebenenfalls Erzählverläufen von Alltagserzählungen zu entwickeln. Eine solche Beschreibung würde es erlauben, über Erzählmuster und Erzählverläufe in einer gewissen, begrenzten Weise zu sprechen und weiter am Gegenstand der Erzählung zu forschen.
In meiner Untersuchung möchte ich eine thematische Typologie der Alltagserzählung in der Psychotherapie entwerfen. Dabei werde ich mich möglichst nahe am Erzähltext orientieren, um mittels qualitativer Verfahren eine endliche Menge von Typen zu erstellen. Darüber hinaus interessiere ich mich für (typen-) spezifische Verlaufsmerkmale der Erzählungen. Ein Verlauf ist eine zeitliche Abfolge von Ereignissen oder die Entwicklung einer Situation in der Zeit. In einer Erzählung sind verschiedene Verläufe ineinander verwoben: erstens die Gesamtheit und der Verlauf der erzählten Ereignisse ('Geschichte'), zweitens der Verlauf der Erzählung als Diskurs, der von diesen Ereignissen erzählt, mit Zwischenbemerkungen, Rückblenden usw. als Darstellung mit entsprechenden performativen Charakteristika ('Erzählung') und drittens der Verlauf der Erzählung, die Tatsache der Erzählung in der (realen oder fiktiven) Erzählsituation, dem Erzählkontext mit einer funktionalen Verstrickung ('Narration').
Diese Dreiteilung wurde von Genette (1998) vorgeschlagen. Er schreibt: "Ich schlage vor, das Signifikat oder den narrativen Inhalt Geschichte zu nennen (auch wenn dieser Inhalt nur von schwacher dramatischer Intensität und ereignissarm sein sollte), den Signifikanten, die Aussage, den narrativen Text oder Diskurs Erzählung im eigentlichen Sinne, während Narration dem produzierenden narrativen Akt sowie im weiteren Sinne der realen oder fiktiven Situation vorbehalten sein soll, in der er erfolgt (S. 16)." Genette meint weiter "Narrativ ist die Erzählung durch den Bezug auf die Geschichte, und ein Diskurs ist sie durch den Bezug auf die Narration (S.17)".
Die vorliegenden Alltagserzählungen beziehungsweise Erzähltexte sollen also in erster Linie auf thematische Aspekte der Erzählung als Geschichte untersucht werden. Das heisst, es interessiert mich der Inhalt der Geschichte - und wie sich jener beschreiben lässt. Diese thematische Typologie von Alltagsgeschichten könnte dann in einem weiteren Schritt auf gestalterische Merkmale (im Sinne Genettes 'Erzählung als Diskurs') hin untersucht werden. Ansätze zur thematischen Typologisierung von Erzählungen finden sich beispielsweise bei Ehlich (1980), bei Rehbein (1980), bei Boothe (1994, 2000) und bei Brinker (1996, 1997).
Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden abschliessend im Zusammenhang mit der Erzählanalyse JAKOB (Boothe, 2000) diskutiert werden. Dazu werden Möglichkeiten weiterer Anwendungen der Ergebnisse in der klinischen Psychologie entworfen. So ist es etwa denkbar, dass eine Typologie von Alltagserzählungen für verschiedene weitere qualitative und quantitative Untersuchungen Anlass geben könnte. Man könnte etwa die Häufigkeiten von Erzähltypen beziehungsweise Erzählmustern bei einzelnen Erzählern mit deren klinischen Diagnosen vergleichen oder als Fallstudie den Verlauf von Erzählmustern in einer einzelnen Psychotherapie verfolgen.
Der Formalismus der früheren Erzählforschung (Propp) wurde von den Vertretern des Strukturalismus in den 1960er Jahren zunehmend kritisiert. Inhalt und Form seien nicht zu trennen, da Struktur und Strukturiertes eine Einheit bildeten, so argumentierten die Strukturalisten. Lévi-Strauss war beispielsweise der Meinung, man solle die Konstanz des Inhalts trotz der Permutierbarkeit untersuchen, aber auch die Permutierbarkeit der Funktion (trotz ihrer Konstanz). Der Formalist Propp war bei seinem Ansatz von der Konstanz der Form ausgegangen, was Lévi-Strauss in seiner strukturalistischen Erzählforschung relativiert, worin die Struktur der Erzählung eher einen Raum von Möglichkeiten darstellt, eine 'Matrix' sozusagen, wobei eben auch die Funktionen eine gewisse Veränderbarkeit aufweisen.
Auch der Poetologe Todorov wollte an der Idee einer allgemeinen, 'strukturalen' Erzählgrammatik festhalten, obschon er auch grosse Zweifel an der Machbarkeit hegte. Dabei stellte sich nämlich seiner Ansicht nach das zentrale Problem des Verhältnisses von Beschreibung und Benennung als Funktionen der Sprache, welches die Theoriebildung erschwert. Er sagt: "Wenn wir die Intrigenstruktur einer Erzählung untersuchen, müssen wir zuerst die Intrige in der Weise zusammenfassen, dass jede distinkt erzählte Handlung in die Form einer logischen Aussage gebracht wird. Dadurch kommt der Gegensatz von Benennung und Beschreibung sehr viel deutlicher zur Geltung als in der Sprache (S.117)." Die Beschreibung erfolgt laut Todorov durch das Prädikat. Der Handlungsträger ist dabei nichts als eine 'leere Form'. Seine Eigenschaften "müssen erst in der Form abrufbarer Bindungen an ein Prädikat hinzukommen (S. 117)". Todorov unterscheidet vier Analyseebenen: Prädikat, Aussage, Sequenz und Text. Jede dieser Ebenen kann nur unter Bezugnahme auf die jeweilig übergeordnete Ebene untersucht werden (S.218). Laut Todorov bleiben also die Erzähltexte - durch ihre Ebenen hindurch - sprachliche Konstruktionen, deren Strukturen nur bedingt beschrieben werden können.
Nach der kognitiven Wende in der Linguistik und der Psychologie haben verschiedene
Forscher in den 1960er und 1970er Jahren versucht, allen Geschichten zugrundeliegende
Strukturen, sogenannte Geschichtengrammatiken (story grammar), zu finden (Van
Dijk et al., 1973; Labov & Waletzky, 1973; Mandler, 1977).
Van Dijk schrieb zum Problem der Geschichten-Grammatiken und ihrem Verhältnis
zur kognitiven Psychologie:
"The problem may be approached from two different angles: we either generalize existing grammatical formalism such as to account also for macro-structures and their relations with sentence structure or we try to give formal/grammatical formulation of some ideas elaborated e.g. in cognitive psychology, that is we directly 'adapt' the form of the grammar to its empirical correlates. Although this last solution is not without thorny methodological problems, we may indeed try to build grammars which are closer to psychological theories of verbal behavior (1973, S. 78)".
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen formulierten Van Dijk et al. (1973)
theoretische Anforderungen an eine zukünftige Theorie des 'Narrativen'.
Eine solche Theorie soll auf solide erkenntnistheoretische Grundlagen gestellt
sein, analog zur kognitiven Psychologie, deren Methoden in dieser Zeit weiterentwickelt
wurden.
Eine narrative Struktur wird von van Dijk annähernd als eine Menge von
Ereignissen bezeichnet. Ein Ereignis besteht semantisch aus mindestens drei
Propositionen: Der Beschreibung eines Ausgangszustandes, eines Übergangs-
und eines Endzustandes. Eine narrative Struktur besteht aus mindestens zwei
Ereignissen, hat also mindestens fünf Propositionen. In dieser Konzeption
von Erzählung wird die Anlehnung an die Gedächtnismodelle der kognitiven
Psychologie deutlich, wo Propositionen als 'Grundbausteine' der Sprache als
Forschungsmodell weit verbreitet waren.
Als Komponenten der narrativen Struktur postulieren van Dijk et al. fünf Teilstrukturen (1973, S.70):
1. Die Einführung: Spezifiziert den Anfangszustand von Menschen(gruppen)
und/oder Situationen.
2. Die Komplikation: Spezifiziert ein oder mehrere Ereignisse, die diesen Zustand
verändern.
3. Die Konfrontation könnte als Versuch umschrieben werden, die Komplikation
durch die Intervention(en) eines oder mehreren Aktanten (agentes) aufzulösen.
4. Die Auflösung spezifiziert die Folge(n) dieser Handlung(en), z.B. in
einer Bewertung der Handlungen.
5. Die Konklusion spezifiziert den Endzustand.
Auch andere Psychologen suchten nach der kognitiven Wende im Zusammenhang mit der Gedächtnisforschung nach schematischen Repräsentationen von Geschichten (Thorndyke, 1977; Thorndyke & Yekovich, 1979, Yekovich & Thorndyke, 1980). In der kognitiven Psychologie und der Psycholinguistik untersuchte man, ob Erzählungen der Logik von Schemata folgen. Es zeigte sich tatsächlich, dass, wenn eine Erzählung typischen Schemata folgt, sie auch besser erinnert wird (Thorndyke, 1977). Aber auch diese Konzeption der Erzählung als 'schemageleiteter Bericht' wurde von verschiedenen Seiten her kritisiert (Yekovich & Thorndyke, 1980).
Das Verhältnis zwischen Realem und Erzähltem bleibt eine ungeklärte Frage. Oder wie Todorov das Problem formuliert: Das Verhältnis zwischen Benennung und Beschreibung als Funktionen der Sprache. Labov und Valetzky (1973) gehen davon aus, dass diese Bereiche strikt aufeinander bezogen sind, weshalb ihre Theorie auf wackeligen Beinen zu stehen scheint. Auch das Problem der temporalen Folge und damit auch der temporalen Grenzen bleibt dadurch ungelöst (Labov & Valetzky, 1973, S. 95f, siehe weiter unten), da eine Erzählung nicht der Chronologie der ihr zugrundeliegenden Ereignisse folgen muss (siehe auch Bal, 1997, S. 8).
In den 1970er und 1980er Jahren folgte eine angeregte Diskussion um strukturalistische und post-strukturalistische Positionen in der Erzählforschung (Petersen, 1977; Thorndyke & Yekovic, 1979; Yekovic & Thorndyke, 1980; Wilensky, 1983; Shen, 1992; Schulz, 1992; Wodak, 1992).
Der Sozialkonstruktivismus beispielsweise verwirft die essentialistische Auffassung von Gedächtnis als psychischem Prozess ebenso wie den 'Textualismus' etwa von Roland Barthes und Michel Foucault (Hamburger, 1998). Von diesem Standpunkt werden struktualistische und grammatikalische Erzähltheorien kritisiert. Diese radikale Haltung stellt einen vorläufigen Höhepunkt in der Zunahme von ökologischen und interaktionistischen Einflüssen auf die Theoriebildung der Psychologie und der Narratologie dar. Autobiografische Erinnerungen seien weder innerpsychische Entitäten noch reine soziale Textphänomeine, lautet eine der Kernaussagen dieser kritischen Haltung. Akte des autobiographischen Erinnerns treten nur in sozialen Situationen auf, argumentieren die Sozialkonstruktivisten - und sie unterliegen kulturspezifischen und historisch variablen Regeln und Eigenheiten. Sie sind (1) auf ein Ziel, eine Idee oder eine abschliessende Pointe hin orientiert, (2) wählen die zu diesem Endpunkt passenden Ereignisse aus, (3) sind zeitlich geordnet und (4) kausal verknüpft und (5) werden durch Abgrenzungszeichen als autobiografische Erinnerung ausgewiesen (Hamburger, 1998, S. 239f).
In neuerer Zeit wurde auch stärker nach der Erzählkompetenz gefragt und nach deren Entwicklung. Nelson (1989) untersuchte in einer aussergewöhnlichen Untersuchung die Selbstgespräche eines kleinen Mädchens um mehr über Inhalt, Struktur und Erzählkompetenz von Kleinkindern zu erfahren. Vor allem in den USA ist in neuerer Zeit eine 'narrative' Psychologie entstanden, die sich das Erzählen zum Gegenstand macht. Einige Autoren gehen gar soweit, das Narrative als eine Art Modus des Denkens und Wahrnehmens zu verstehen (Bruner, 1986). Alte und neuere qualitative methodische Ansätze wurden für die Psychologie und die Narratologie fruchtbar gemacht (Smith et al., 1995; Straub, 1998). So fand etwa das Erzählen im Alltag stärkere Beachtung als auch die Zusammenhänge zwischen autobiografischem Erzählen und Identitätsbilung. Erzähltheoretische Konzepte zeichnen sich in der Folge durch höhere Komplexität aus.
Rehbein (1980) stellt beispielsweise in einer konversationsanalytischen Untersuchung ein Modell der 'Leidensgeschichte' zur Diskussion, bei dem sowohl sprecher- als auch hörerseitige Prozesse in das Ablaufmodell eingehen. Wodak (1992) unterscheidet zwischen der inhaltlichen und der formalen Textebene, welche das Textthema einer Erzählung konstituieren. Die inhaltliche Textebene setzt sich dabei zusammen aus Handlungsstrategien (Sprecherperspektive etc.) und kognitiv-emotionalen Strategien (Problemlösungsstrategien, Gefühlsausdruck). Die formale Textebene besteht aus Diskursprozessen (Erzählstruktur, Themenverarbeitung) und logischen Prozessen (Tempus, Kohärenz) (S.188ff).
Kenneth Burke postulierte 1945 in seiner 'Grammar of Motives' - wie schon erwähnt - die 'Pentade des Narrativs' als Grundlage seiner von ihm benannten Theorie des 'Dramatismus' ('the five key terms of dramatism', siehe Seite xxii, California edition, 1969). Die Pentade besteht aus Akt, Szene, Aktor, Instrument, Ziel/Intention (act, scene, agent, agency, purpose; S.15).
Der Akt benennt was stattgefunden hat - gedanklich oder tatsächlich. Die
Szene beschreibt den situativen Hintergrund des Aktes. Dazu muss - um ein vollständiges
Motiv zu erstellen - ersichtlich sein, wer den Akt vollbringt, welche Instrumente
oder Mittel er dafür verwendet und wozu das ganze stattfindet.
Man kann also fragen: Was wurde getan (act), wann oder wo wurde es getan (scene),
wer tat es (agent), wie tat er es (agency) und warum (purpose). Dabei kann unter
Agent auch ein beliebiger persönlicher motivaltionaler Wert wie 'Idee',
'Wille', 'Intuition' usw. stehen. Streit kann ein Instrument oder ein Ziel sein,
für eine beteiligte Person ist es eine Szene. Die dramatistische Analyse
Burkes zielt auf die motivationalen Aspekte eines Geschehens. Diese sind aber
nicht immer eindeutig festzumachen und bleibt letztlich eine Frage des weltanschaulichen
Standpunktes (S.21).
Der dramaturgische Begriff der Inszenierung wurde auch auf alltägliche Erzählungen angewandt. Die Vorstellung einer virtuellen Bühne, auf der ein dramatisches Geschehen vom Erzähler inszeniert wird steht dabei im Mittelpunkt der theoretischen Überlegungen. Mithilfe der 'Deixis am Phantasma' dem sprachlichen Zeigen im virtuellen Raum führt der Erzähler seinen Hörer durch die Inszenierung seines Dramas. In diesem Verständnis von Erzählvorgängen geht es um die Aufgaben sowohl des Erzählers als auch derjenigen des Hörers. Der Erzähler muss eine Versetzung in das Phantasma schaffen, dorthin muss - vereinfacht gesagt - der Hörer folgen können (Flader & Giesecke, 1980, S.214f).
Boothe (2000) entwirft eine psychoanalytisch-dramaturgische Analysemethode für Erzählungen. Zentral ist dabei die Formulierung einer Spielregel, die zu Beginn einer Erzählung deren Erwartungs-Horizont zwischen optimaler (SOLL) und katastrophaler (ANTI-SOLL) Entwicklung des Themas aufspannt. Die Spielregel beinhaltet eine gewisse Verpflichtung an den Erzähler, den selbst gesetzten Erwartungen gerecht zu werden. Sie gibt dem Hörer eine Orientierung darüber, worum es in der Geschichte geht, für welche Not- oder Konfliktlage er Interesse und emotionales Engagement aufbringen soll (vergleiche Wilensky, 1983). Diese Startdynamik legt das dramaturgische Potential der Erzählung fest, welches sichtbar am Ausgang der Erzählung (SEIN) ausgeschöpft wird. Aus der Spielregel und dem Erzählausgang ergeben sich zusammen mit Verlaufsmerkmalen wie dem Akteurschicksal die Struktur der Wunschthematik, der Angst und der Abwehr des Erzählers in der dargebotenen Erzählung. Typische Verlaufsformen werden postuliert, konnten bisher aber nicht überzeugend belegt werden (S. 106).
Das Konzept der Inszenierung ist auf der theoretischen Ebene sehr einleuchtend und es könnte sich für die Formulierung einer Typologie von Alltagserzählungen als hilfreich erweisen. So werden bei der Erzählanalyse JAKOB von Boothe (2000) gewisse dramaturgische Eigenschaften benannt, um Verläufe von Erzählungen beschreiben zu können (Erwartungshorizont, Startdynamik, Verlaufsdynamik und Ergebnisformulierung). Flader und Giesecke jedoch greifen in ihrer konversationsanalytischen Studie zum Vergleich von Erzählungen (1980) kurzerhand zur 'Normalform' der Erzählung von Labov und Valetzky (1973). Diese 'Normalform' konnte aber bisher nicht zufriedenstellend bestätigt werden.
Diese analytische Schule hat ihre Wurzeln in der Soziologie, bzw. der Ethnografie. Ihre Begründer sind George Herbert Mead, Erving Goffman, Harold Garfinkel und andere. Goffmanns 'Rahmenanalyse' stellt einen Ursprung dieser methodologischen Ausrichtung in den Sozialwissenschaften dar.
Kallmeyer und Schütze (1976) haben für den deutschen Sprachraum wesentlichen Einfluss zur Verbreitung dieser Methodik gehabt. Sprachliches Material aus alltäglichen Gesprächen und Interviews kann auf verschiedenen Ebenen analsyiert werden.
1. Formale Strukturen (Sprecherwechsel, Korrekturen, Nachfragen usw.)
2. elementare Aktivitäten, die erforderlich sind, um gelingende Kommunikationsabläufe
zu organisieren (Kooperativität, Verstehen/Verständlichkeit usw.)
3. Strukturen sozialen Handelns, also Funktionen des Sprachgebrauchs in Beziehung
auf aussersprachliche Handlungszusammenhänge
4. Bedeutungsproduktion und Interpretation in sprachlichen Interaktionen ('kognitive
Soziologie').
Zentral bei diesen Ansätzen scheinen mir die 'Positionierungen' von Erzähler und Hörer zu sein. Wo steht der Erzähler kulturell, individuell, gegenüber dem Hörer? Wie positioniert er sich in der Geschichte gegenüber den Figuren der Geschichte?
Mittels der 'funktional-pragmatischen Diskursanalyse' wird untersucht, worin die Besonderheiten des Diskurses im sozialen Kontext bestehen. Dabei orientieren sich die Forscher bei der Analyse von sprachlichen Verwirklichungen an einer handlungstheoretischen Pragmatik. Das Konzept des 'Sprechakts' ist dabei zentral.
In der Extremform sind die Interaktionisten der Ansicht, dass so etwas wie Gedächnis an und für sich erst im sozialen Kontext existiere, ohne einen solchen Kontext sei es nicht existent. Interaktionistische Konzeptionen von Erzählungen schliessen auch hörerseitige Prozesse ein, eine Erzählung wird zu einem sozialen Ereignis zwischen dem Erzähler und dem Hörer (Rehbein, 1980).
Rehbein (1980) postuliert elementare gesellschaftliche Grundstrukturen, in denen Wissen über Handlungen organisiert wird, also eine Art kollektiver Handlungsmuster. Diese nimmt er zur Grundlage für eine Typologie von Geschichten. Er unterscheidet in (1) die Leidensgeschichte, (2) die Sieges- bzw. Glücksgeschichte sowie (3) Geschichten 'merkwürdiger Begebenheiten'.
Die Leidensgeschichte dient dazu, den Erzähler als 'unschuldiges Opfer'
darzustellen, das leidet. Rehbein geht davon aus, dass der Erzähler in
der Realität, welche die Geschichte abbilden soll, zu Recht verfolgt wurde
und dass dieser in der Erzählung versucht, die Ereignisse so umzuwerten,
dass er als zu Unrecht Verfolgter erscheint. Man muss in diesem Zusammenhang
allerdings klarstellen, dass Ehlich Geschichten von Immigranten in der Sozialberatung,
also einem institutionellen Setting, untersuchte. Dies führte wohl zu dieser
speziellen Konzeption von Leidens- (besser wäre wohl 'Verfolgungs-') Geschichte.
Laut Rehbein haben die drei Formen von Geschichten die folgenden Strukturen:
Leidensgeschichte
(1) Der Aktant verhält sich 'normal'
(2) durch die Normalität seines Handelns wird er Gegenstand einer Offensivhandlung
mit einem gegnerischen Aktanten, dem Offender, er selbst wird Opfer (Konstellation)_
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel;
(4) durch (3) verstrickt er sich tiefer in die Geschichte;
(5) dem Aktanten wird klar, dass er aufgrund einer Konstellation Opfer geworden
ist (=Skandalon);
(6) das Andauern der Konstellation erzeugt Hilflosigkeit beim Aktanten;
(7) der Aktant sucht Hilfe bei einem Kooperanten.
Siegesgeschichte
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung
verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts, Verstrickung
auf höherer Ebene);
(4) Durch eine Idee (einen Einfall, eine List, einen Trick, eine Taktik usw.
oder einfach eine Handlung oder ein Ereignis) bringt der Aktant eine überraschende
Wende in die zwangsläufige, gegen ihn gerichtete Entwicklung der Konstellation
(Überraschung);
(5) positive Folgen für den Aktanten;
(6) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein bestimmtes Ereignis/eine
Handlung/ ein Einfall usw. unter den geschilderten Umständen einen positiven
Effekt herbeiführen kann.
Bewältigungsgeschichte
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung
verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts);
(4) Er bringt sich damit in eine Situation, in der er handlungsfähig ist;
(5) Durch einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zwischen den beiden am Geschehen
Beteiligten wird eine Wende in die zwangsläufige, gegen den Aktanten gerichtete
Entwicklung der Konstellation gebracht;
(6) die Handlungsfähigkeit des Aktanten ist restituiert;
(7) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein Aushandlungsprozess
unter den geschilderten Umständen die negative Entwicklung aufhalten sowei
die Handlungsfähigkeit wiederherstellen kann.
Eine ähnliche, inhaltlich-formale Typologisierung könnte geeignet sein für eine Typologisierung der Alltagserzählungen in der Psychotherapie. Eine ähnliche Typologie könnte zum Beispiel 'Leidensgeschichten' in der Psychotherapie beschreiben. Da es sich jedoch bei den Erzählungen aus der Psychotherapie um eine andere Datengrundlage handelt - Rehbein hat seine Erzählungen aus Gesprächen an einer sozialen Beratungsstelle für Einwanderer - dürften die Erzählmuster etwas anders ausfallen.
Schon Aristoteles hat Erzählkategorien vorgeschlagen, seither ist in der Dramaturgie und in den Literaturwissenschaften versucht worden, Erzählungen allgemeinen Kategorien oder Typen zuzuordnen. Eine Erzähl-Typologie - etwa aufgrund von Merkmalen von Erzählabläufen oder Eigenschaften des 'plots' - würde es erlauben, alle Erzählungen auf eine 'fundamentale' Gruppe von Erzähltypen zurückzuführen.
Wie Kenneth Gergen (1995) darstellt, wurde einer der in Amerika meistbeachteten Vorschläge des 20ten Jahrhunderts von Northrup Frye 1957 vorgeschlagen. Frye war der Ansicht, dass es vier grundlegende Formen von Narrativen gibt. Jede davon soll in der menschlichen Erfahrung der Natur und im speziellen mit den Jahreszeiten begründet sein. Die Erfahrung der erwachenden Natur, dem Frühling soll Anlass geben zu Komödien. Die klassische, traditionelle Komödie beinhaltet typischerweise eine Herausforderung oder Bedrohung, die überwunden wird, um die soziale Harmonie wiederherzustellen. Eine Komödie muss demnach nicht humorvoll sein, wenn auch ihr Ende ein frohes ist. Die Romanze ist der Freiheit und Ruhe des Sommers nachempfunden. Diese dramatische Form besteht aus einer Serie von Episoden, in denen die Hauptfigur herausgefordert oder bedroht wird und aus der sie schliesslich siegreich hervorgeht. Die Romanze muss nicht mit dem Begehren zwischen zwei Menschen befasst sein, in ihrem harmonischen Ende gleicht sie der Komödie. Die Tragödie gehört zum Herbst, wo das Leben des Sommers mit dem drohenden Tod des kommenden Winters sich kontrastieren. Im Winter dann, so postuliert Frye, ist die Satire die angepasste Form des dramatischen Ausdrucks, indem unerfüllte Erwartungen und verworfene Träume bewusst werden. Im Gegensatz zu dieser von Frye postulierten Gruppe von grundlegenden dramatischen Formen schlägt Campbell (1956) vor, einen einzigen Typen, den 'Monomyth' zu beschreiben, der im Unbewussten fusst. Allgemein ausgedrückt, befasst sich der Monomyth mit einem Helden, dem es gelang, persönliche und historische Einschränkungen zu überwinden, um ein transzendierendes Verständnis des Mensch-Seins zu erlangen.
Andere Autoren schlagen einen anderen, weniger 'transzendenten' Weg ein. Todorov
etwa ist im Gegensatz zu solchen 'mystischen' Standpunkten der Meinung:
"Wenn wir eine Typologie der Erzählung aufstellen wollen, müssen
wir uns auf den Boden der alternativen Elemente stellen, denn weder die obligatorischen
Aussagen, die immer vorkommen müssen, noch die fakultativen, die immer
vorkommen können, werden uns dazu helfen. Die Typologie könnte sich
andererseits auf rein syntagmatische Kriterien gründen: wir sagten oben,
dass die Erzählung in dem Übergang von einem Gleichgewicht zu einem
anderen besteht; eine Erzählung kann aber auch nur aus einem Teil dieses
Wegs bestehen. So kann lediglich der Übergang vom Gleichgewicht zur Störung
oder umgekehrt beschrieben sein (Todorov, 1972, S. 124)."
Am Beispiel des 'Dekameron' erläutert Todorov seine Erzähl-Theorie. In dieser Erzählsammlung erscheinen seiner Meinung nach nur zwei verschiedene Typen von Erzählungen: die 'vermiedene Bestrafung' und die 'Bekehrung'.
Kenneth Gergen (1988, 1995) ist der Ansicht, dass bislang alle Versuche, prototypische Plotstrukturen ausfindig zu machen, unbefriedigende Ergebnisse lieferten. Er ist der Meinung, dass sich die Erzählstrukturen wandeln wie die Mode. Potentiell könne jedes Thema, das einen inneren Wert für den Erzähler darstellt, zum Gegenstand einer Erzählung gemacht werden und daher müsse die Anzahl möglicher Erzählformen unendlich sein. Die Auswahl und Ordnung der Ereignisse, die zum Ende (und somit zum 'wertvollen' Ergebnis für den Erzähler) führen, könnten nach Gergen auf zwei Dimensionen, in einem zweidimensionalen, evaluativen Raum, dargestellt werden. Aus dieser Darstellung erfolgen drei prototypische Verlaufsformen von Erzählungen.
Die erste Verlaufsform entwickelt sich laut Gergen vom Ausgangspunkt her in die (evaluativ) positive Richtung auf den Endpunkt hin. Diese Form entspricht der Erzählung einer durchwegs positiven Entwicklung des Protagonisten ("Ich lernte, meine Scheu zu überwinden und wurde offen gegenüber anderen Menschen"). Eine weitere Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt in die negative Richtung und entspricht somit einer Erzählung einer Katastrophe ("Ich konnte die Ereignisse in meinem Leben nicht mehr kontrollieren"). Die dritte mögliche Grundform verläuft stabil in Richtung auf den Zielzustand hin, ist evaluativ neutral ("das Leben geht weiter"). Gergen nennt diese drei Formen 'progressiv', 'regressiv' und 'stabil'. Daraus liessen sich alle (potentiell unendlich viele) Formen von Erzählverläufen im Hinblick auf die - grundlegende - evaluative Funktion von Erzählungen beschreiben. Eine Heldengeschichte wäre somit eine Abfolge von regressiv-progressiven Episoden. Eine Tragödie wäre der rasche Fall eines Protagonisten, der zuvor eine hohe Position innehatte (eine progressive Phase, gefolgt von einer extremen regressiven Phase). Die komödiantisch-romantische Erzählung besteht somit aus einer regressiven Phase, gefolgt von einer progressiven. Die erzählten Umstände werden zunehmend problematisch, um nach einer glücklichen Wende zu einem erfreulichen Ende zu kommen.
Diese Konzeptualisierung von Erzählverläufen wurde in ähnlicher Weise von Boothe (2000) aufgenommen. Ausgehend von einer Dreiteilung der Erzählung in Startdynamik, Entwicklungsdynamik und Ergebnisformulierung ergeben sich theoretisch neun prototypische Verlaufsmuster: Klimax, Antiklimax, Wiederherstellung nach Desintegration, Wiederherstellung nach Klimax, Approbation, Frustration, Chance, Antichance, unerklärliche Wendung. Eine solche Kategorisierung von Erzählverläufen führt aber bei der Arbeit mit Erzähltexten zu Schwierigkeiten. Boothe (2000, S. 106) schreibt: "Wir haben (...) die Erfahrung gemacht, dass die Zuordung von vorliegendem Erzählmaterial zu den spezifischen Mustern zu komplex ist, um regulär durchführbar zu sein. Wir greifen auf die einzelnen ausformulierten Geschichtenmuster nur dann zurück, wenn sich das bei einer Erzählung zwanglos und sinnfällig ergibt."
Gergen (1995) weist darauf hin, dass sich postmoderne Erzählungen häufig auf mehrere Endpunkte hin bewegen und sich unter anderem auch deshalb schlecht mittels eines solchen zweidimensionalen evaluativen Raumes beschreiben lassen. Auch die Grundannahme einer evaluativen Funktion der Erzählung und die Suche nach einem (sinnvollen) Endpunkt bleibt bei genauerer Betrachtung fragwürdig. Die Erzählung ist in hohem Masse kulturell und sozial bedingt. Sie erfüllt soziale Funktionen, nicht zuletzt solche der Identitätsbildung. Der evaluative Wert einer Erzählung ist abhängig von der Art der Zielsetzung (z.B. Gewinn), von einzelnen Individuen (z.B. dem Helden im Gegensatz zur Gemeinschaft) und von Modi der Beschreibung (z.B. der Welt der materiellen Güter im Gegensatz zur Welt des Spirituellen). Diese Abhängigkeiten sind in hohem Masse kulturell bedingt. Die Erzählungen selbst wiederum institutionalisieren solche Werte und Wertmassstäbe. Sie stellen nicht nur konversationelle Realitäten her, sondern konstituieren auch kulturelle Traditionen.
Eine Alltags-Erzählung hat zunächst einmal den Charakter einer Mitteilung.
Sie möchte den oder die Zuhörerinnen dazu bewegen, sich in einen virtuellen
Erzählraum zu begeben. "Ob aus einer Erzählung eine Geschichte
wird, hängt davon ab, ob es mir gelingt, die Zuhörer in ihren poetischen
Raum einzuführen" schreibt Hamburger (1998, S.234). Eine solche Erzählung
erfüllt auch kommunikative Funktionen, wie Selbstdarstellung des Erzählers,
Überzeugung oder etwa Verführung des Zuhörers. Laut Bruner und
Lucarella (1989) dient das Narrativ im Alltag auch der Verarbeitung von 'troubles',
d.h. Störungen von erwartbaren Ereignisabläufen. "Das Narrativ
ist ein Mittel, die Folgen von Problemen zu beschreiben, zu erforschen, vorzubeugen,
auszubrüten, auszugleichen oder nachzuerzählen" (zitiert nach
Hamburger, S.247).
Das Erzählen im Alltag dürfte sich auch je nach Kontext etwas anders
gestalten. So sind - so ist es zu erwarten - Erzählungen im Freundes- und
Bekanntenkreis nicht identisch mit Erzählungen in institutionellen Settings,
wie Praxen und Beratungsstellen. Bei den Erzählungen im institutionellen
Kontext muss berücksichtigt werden, dass ein bestimmtes, professionelles
Verhältnis zwischen der ZuhörerIn und der ErzählerIn besteht.
Die Erzählung in der Psychotherapie ist also im Grunde genommen eine Stegreif-
oder Alltagserzählung (Ehlich, 1980;Stempel, 1986), aber mit dem Unterschied,
dass sie in einem speziellen Kontext erfolgt und dem Zuhörer gewisse Attribute
wie Professionalität, Verpflichtung zum Schweigen über das Gehörte
etc. zugeordnet werden. Dieser Kontext muss bei einer Erforschung dieser Erzählungen
berücksichtigt werden (Wiedemann, 1986; Boothe, 1994, 1999; Gülich,
1991). Erzählungen in der Psychotherapie sind spezielle Erzählungen,
laut Wiedemann:
"...Geschichten befassen sich nicht mit irgendwelchen Ereignissen, sondern mit aussergewöhnlichen. Diese machen die Coping-Strategien und Handlungskapazitäten des Patienten sichtbar. (...stories are not concerned with just any events but with those which are out of the ordinary, allowing the patient's coping strategies and his action-capacities to emerge (1986, S.48), Übers. d. Verf.)."
Erzählungen von Patienten im institutionellen Setting der Psychotherapie sind schon seit den Anfängen der 'talking cure' Gegenstand von Untersuchungen, vor allem in der Psychoanalyse. Die Psychoanalyse interessierte sich von Beginn weg für Traumerzählungen und Erzählungen im Lauf des 'freien Assoziierens'. So hat Freud seine Patienten ausdrücklich dazu aufgefordert zu erzählen. Durch das Aufdecken von Lücken und Brüchen in der Erzählung soll es durch psychoanalytisches Interpretieren und Deuten im Verlauf der Therapie möglich werden, verdrängten Affekten, unbewussten Wünschen und Ängsten auf die Spur kommen. Oft ist dabei aber der genaue Hergang der methodischen Anwendung und der Theoriebildung nicht mehr nachvollziehbar, da die originalen Daten nicht vorliegen. Ein Beispiel dafür wären die 'Bruchstücke einer Hysterie-Analyse' von Freud (1993).
Erst in neuerer Zeit sind technische Möglichkeiten entstanden, längere Gespräche aufzuzeichnen, zu transkribieren und eine grosse Datenmenge auszuwerten. Parallel zur technischen Entwicklung fand auch die Entwicklung von verfeinerten Analyseverfahren statt, sodass man heute mit einer ganz anderen Ausgangslage die Erzählungen von Patienten in der Psychotherapie erkunden kann als noch vor 100 Jahren (Boothe, 1994, 2000; Eisenmann, 1995). Die Frage nach der Beschreibung und Analyse von Erzählungen in der Psychotherapie stellt sich aus pragmatischen Gründen nach wie vor. Sei es zur Erstellung einer Erzähl-Systematik oder zur Verwendung von Strukturmerkmalen von Erzählungen in der Psychotherapieforschung (Gülich & Hausendorf, 2000; Boothe, 1994).
Als erstes stellt sich die Frage, ob eine Klassifizierung, eine Ordnung oder Typologisierung von Alltags-Erzählungen anhand von typischen Erzählmustern möglich ist. Diese Typologisierung könnte anhand von inhaltlichen und/oder strukturellen Merkmalen geschehen. Ein Erzählmuster ist eine typische Konstellation von Merkmalen einer Erzählung. Eine solche Konstellation kann sowohl inhaltliche als auch grammatikalische Merkmale verbinden.
Eine Typologie von Erzählmustern wäre im Hinblick auf weitere klinische
Untersuchungen interessant. Zum Beispiel könnte man nach der Verteilung
von solchen Mustern über verschiedene Störungsgruppen fragen. Erzählen
depressive Klienten anders als solceh mit einer Angststörung? Oder man
könnte den Verlauf einer Psychotherapie anhand der Verteilung von Erzähl-Mustern
über die Zeit untersuchen. Treten zu Beginn einer Therapie bestimmte Erzählmuster
häufiger auf als andere?
Dabei scheint es - unter anderem im Hinblick auf die klinische Relevanz der
Untersuchung - sinnvoller, eine Typologie nach inhaltlich-thematischen Kriterien
zu versuchen, wie es zum Beispiel Ehlich (1980) anhand von Gesprächen in
der Sozialberatung von Immigranten vorschlägt.
Es soll also den folgenden Fragen in einer qualitativen Untersuchung nachgegangen
werden:
(1) Wie könnten typische Erzählmuster, welche sich in den Erzählungen
von Patienten in der Psychotherapie verwirklichen, beschrieben werden?
(2) Welche typischen thematischen Erzählmuster liegen vor? Wie könnten
die am Institut vorliegenden und transkribierten Erzählungen geordnet werden?
Dazu möchte ich in einem zweiten Schritt fragen, ob sich diese Erzählmuster - sollten sie denn wirklich vorhanden sein - auf ihre strukturellen Merkmale hin vergleichen lassen. Bei diesen zusätzlichen Fragen liegt also der Fokus eher auf 'strukturell-grammatikalischen' Aspekten von Erzählungen. Lassen sich diesen typischen thematischen Erzählmustern prototypische Erzählabläufe zuordnen?
Schliesslich sollen die Ergebnisse im Zusammenhang mit der psychoanalytischen Erzählanalyse JAKOB (Boothe, 2000) besprochen werden. Welche Anregungen ergeben sich für weitere Untersuchungen daraus?
Bei den vorliegenden Daten handelt es sich um Erzähltexte aus Transkripten von psychotherapeutischen Gesprächen. Die Gespräche wurden an der Praxisstelle der Abteilung Klinische Psychologie I des psychologischen Instituts der Universität Zürich geführt und aufgezeichnet. Danach wurden sie transkribiert und die Erzählungen nach der Methode von Boothe (2000) 'extrahiert'. Die 'Extraktion' der Erzählungen, d.h. welche Textstellen in den Transkripten als Erzählungen betrachtet werden, konnte mit einigermassen guten Interrater-Reliabilitäten operationalisiert werden (Kunz, 2000). Dennoch ist die Operationalisierung der Erzähltexte ein Problem. Und damit auch deren zuverlässige Extraktion aus Gesprächstranskripten. In dieser Untersuchung soll aber nicht weiter auf diese Schwierigkeiten eingegangen werden. Es wird mit dem vorhandenen Material gearbeitet, gleichgültig ob die Extraktion nach einheitlichen Masstäben erfolgte oder nicht. Dies im Bewusstsein darüber, dass die Ergebnisse mit der nötigen Vorsicht zu interpretieren und zu bewerten sind.
Die Erzähltexte von 15 ErzählerInnen liegen anonymisiert vor, insgesamt sind es 347 Erzählungen aus dem Archiv des Instituts klinische Psychologie I. Die Erzählungen sind als Text-Dateien gespeichert. Es sind keine nonverbalen Informationen transkribiert worden und es sind ausser dem Geschlecht der ErzählerInnen keine weiteren Informationen erhältlich. Laut den Pseudonymen sind acht der ErzählerInnen weiblich, sieben sind männlich. Die Frauen haben insgesamt 237 Erzählungen (68%), die Männer 110 Erzählungen (32%) dargeboten.
Möglichst alle zur Zeit an der Abteilung klinische Psychologie I in transkribierter Form vorliegenden 347 Erzählungen aus psychotherapeutischen Gesprächen sollen untersucht werden. Da die Fragestellung auf die Suche nach einer Typologie oder Theorie des Erzählverlaufs von Erzählungen in der Psychotherapie ausgerichtet ist, scheint die Methode des offenen bzw. freien Kodierens (Strauss, 1991; Strauss & Corbin, 1996) eine gute Wahl.
Die Methode wird auch 'Methode des ständigen Vergleichens (Strauss & Corbin, 1996, S. 44)' genannt, obschon die Erfinder sie 'grounded theory' nennen. Um den Umgang mit grossen Datenmengen zu erleichtern, wurde ein Computerprogramm entwickelt, welches hier eingesetzt werden soll. Dieses Programm unterstützt das freie als auch das gebundene Kodieren (nach Strauss & Corbin, 1996) und auch die weiteren Schritte der qualitativen Auswertung verbaler Daten (Hoffmeyer-Zlotnik, 1992). Die Analyse stützt sich somit auf grundlegende Methoden qualitativer Forschung (Ahlers, 1994; Brinker, 1997; Flick, 1995; Heinemann, 1997).
In einem ersten Durchgang sollen 30 Erzählungen - pro Erzähler je zwei zufällig ausgewählte Erzählungen - kodiert werden, bis keine neuen Kodes oder Kategorien mehr möglich scheinen. Eine erste Kodierung des Datenmaterials in Atlas-ti soll weitere Kodierschritte ermöglichen und erleichtern. Kode-Familien und Kode-Netze können zur Übersicht und weiteren theoretischen Konzeptualisierungen gebildet werden.
Dann werden wieder 30 Erzählungen auf die selbe Weise zufällig ermittelt
und kodiert. Tritt ein neuer Kode in der Erzählung x auf, werden eventuell
alle Erzählungen von 1 bis x noch mal Kodiert. Es kommen dann die nächsten
30 hinzu etc. Wenn ein Erzähler zum Beispiel nur 4 Erzählungen geliefert
hat, dann fällt die hinzukommende Menge entsprechend geringer aus. Wenn
bei einem vierten oder fünften Durchgang keine neuen Kodes mehr nötig
scheinen, kann dazu übergegangen werden, die verbleibenden Erzählungen
mit den bis dahin entwickelten Kodes zu kodieren, ohne bewusst weiter auf mögliche
neue Kodes hin zu arbeiten.
Wenn alle Erzählungen kodiert vorliegen folgen weitere Schritte der Analyse
bzw. Theoriebildung (Strauss & Corbin, 1996).
Bei der ersten Kodierung wurde wie üblich in der 'grounded theory' laufend gefragt: Was ist das? Worum handelt es sich? Was repräsentiert das? Die Kodes wurden kommentiert und schliesslich zu Familien zusammengefasst. In diesem ersten Kodierdurchgang mit 30 Erzähltexten ergaben sich in offener Kodierweise 386 Kodes. Diese wurden 8 Kodefamilien zugeordet: Emotionen, Erlebnisse, Probleme und Lösungen, Narration, Eigenschaften von Figuren, Reaktionen, Selbstdarstellung und Gedanken/Erkenntnisse. Die Kodes wurden dann versuchsweise vernetzt und in Subkategorien eingeteilt, allerdings nur unvollständig, da sich eine weitere Verfeinerung und weitere Kodierdurchgänge vordrängten.
Der im ersten Durchgang verfolgte Ansatz des offenen Kodierens zeigte eindrücklich, dass ohne Fokussierung auf bestimmte Eigenschaften von Erzählungen eine grosse Menge an Kodes generiert werden. Um diese grosse Menge zu strukturieren, kann man Kategorien bilden, die aber wenig aussagekräftig im Hinblick auf die thematische Strukturierung oder das Erzählmuster der einzelnen Erzählung erscheinen. Die gebildeten Kodefamilien scheinen für weitere Kodierdurchläufe ein fokussierteres Vorgehen nahezulegen. Dies wird zum Beispiel von Kuckartz (1999) empfohlen.
Bei der Betrachtung der aus den Kodes gebildeten Kodefamilien fällt auf, dass sich gewisse Familien semantisch überschneiden. Andere sind für die inhaltliche Typologisierung unwesentlich, beispielsweise die Familie 'Narration'. Die Emotionen stellen als subjektive Bewertungen von Situationen und Ereignissen eine Schnittstelle zwischen der Situation, dem Problem, den Erlebnissen und den Reaktionen dar. Sie können sowohl auf eine Ausgangssituation, auf ein einzelnes Ereignis, ein Problem oder eine Lösung bezogen sein. Sie stellen also für sich genommen einen schwachen Anhaltspunkt für eine thematische Kodierung dar. Die Problemstellung, die Eigenschaften von Figuren und die Selbstdarstellung scheinen geeignetere Konzepte zu sein, um zentrale Themen von Geschichten zu beschreiben, ebenso die Erlebnisse. In den Erlebnissen spiegeln sich Ausgangssituation (Problem, Figuren, Selbstdarstellung), subjektive Einschätzung und Erleben der Situation (Emotion, Gedanken und Erkenntnisse) und Reaktion.
Um die semantischen Überschneidungen zwischen den Kodefamilien etwas aufzulösen, soll folgender Ansatz in einem zweiten Kodierdurchgang verfolgt werden: Die Kodefamilien werden zu drei Gruppen zusammengefasst (Abbildung 1).

Abbildung 1: Gruppierung der Kodefamilie in Situation, Positionierung und Entwicklung
Die Bildung der drei 'Meta-Familien' geschieht dabei in Anlehnung an theoretische Konzeptionen von verschiedenen Autoren:
Langenhove & Harré (1999) arbeiten mit einer ähnlichen Dreiteilung. Sie unterscheiden bei ihrer Analyse von Konversationen die Ebenen Position/Handlung/Geschichte (postition/act-action/storyline). Sie verstehen die Position als Konglomerat von Rechten, Pflichten und Verpflichtungen des Sprechens im Hinblick auf soziale Festlegungen in der Kommunikation (was, wann, von wem gesagt werden kann/darf/soll). Diese 'moralischen' Eigenschaften der Position sind laut den Autoren lokal und zeitgeschichtlich unterschiedlich ausgeprägt und unterliegen einem steten Wandel. Handlung (act-action) verstehen Langenhove & Harré als sprachliche oder parasprachliche Handlungen, deren soziale Wirkung durch die Positionierung des Sprechers und die erzählte Geschichte (bzw. 'lived narrative') beeinflusst wird (S.17f).
In der Literatur finden sich auch andere Hinweise darauf, dass Alltagserzählungen
von einer Anfangssituation ('Situierung' bei Brinker, 1996) ausgehen, einem
Setting (Rumelhart, 1975; Thorndyke, 1977), einer Orientierung (Labov &
Valetzky, 1973) oder einem Ist-Zustand, der einen Erwartunghorizont eröffnet
(Boothe, 2000).
Die Positionierung wird ebenso besprochen, mal erscheint sie als Evaluation
(bei Labov & Valetzky, 1973) mal als Moral (Van Dijk, 1973). Bei Brinker
erscheint die Positionierung als Resumee (1996). Das Konzept der Positionierung
wir in der Soziologie und Psychologie als 'Nachfolgemodell' des Rollenmodells
diskutiert (Van Langenhove & Harré, 1999). Das allgemeine Konzept
der Positionierung ist bei Keupp et al. (1999) und bei Harré & van
Langenhoeve (1999) genauer beschrieben.
Die Entwicklung schliesslich ist wahrscheinlich die offenste Kategorie in diesem
Dreiergespann. Bei Rumelhart und bei Thorndyke erscheint sie als Episode(n)
und als Plot/Resolution (1975, 1977). Todorov spricht von Übergängen
von einem Gleichgewicht in ein nächstes und von alternativen Elementen,
die den Verlauf und die charakteristischen Eigenschaften von Erzählstrukturen
bestimmen (1972). Labov & Valetzky sprechen von der Komplikation und der
Resolution (1972), Bal spricht von der Fabel (1996). Bei Brinker erscheint der
Teil der Repräsentation als Beschreibung der Entwicklung einer Geschichte
(1996). Mir scheint es angebracht, angesichts der Vielfalt der vorliegenden
Geschichten, diese Kategorie bewusst offen zu konzipieren. Denn nicht jeder
Erzähler hat zur Komplikation auch eine Auflösung parat. 'Runde' abgeschlossene
Geschichten können nicht erwartet werden. Dennoch liegt im inneren einer
Erzählung zumindest (siehe auch Operationalisierung von 'Erzählung'
nach dem JAKOB-Manual von Boothe, 2000) eine Entwicklung vor. Ob die Entwicklung
in sich abgeschlossen ist, ist unwesentlich, meine ich. Es wird sich im zweiten
Kodierdurchgang zeigen, inwiefern das zutreffen könnte.
Die Situation als Konzept soll die Ausgangslage, die Problemstellung und die Konstellation der Figuren beschreiben. Die Positionierung beschreibt sodann die Art und Weise, in welcher die Hauptfigur (meist der Ich-Erzähler) in der Situation gegeüber den anderen Figuren positioniert ist. Die Entwicklung beschreibt die Ereignisse, Reaktionen, Gedanken und Erkennntisse, die sich aus der Ausgangssituation im Laufe der Geschichte ergeben. Aus diesen drei Komponenten einer Geschichte soll dann versucht werden, eine eigentliche Typologie zu erstellen. Ein fiktives Beispiel einer solchen 'Konstellation' ist in Abbildung 2 ersichtlich.

Abbildung 2: Fiktives Beispiel einer Konstellation von Situation, Positionierung
und
Entwicklung ('Rehabilitationsgeschichte' als 'Story-Typus')
Die Konzepte 'Situation', 'Positionierung' und 'Entwicklung' sollen verfeinert und mit Subkategorien versehen werden. Die Anzahl dieser Subkategorien kann beliebig sein. Es soll geprüft werden, ob eine überschaubare Anzahl Subkategorien möglich ist. Die neuen Kodes werden - im Rahmen des jeweiligen Fokus - wiederum nach der Methode des offenen Kodierens generiert. Beim Durchkodieren wird der Fokus als Rahmen der Fragestellung verwendet (anders als beim ersten Durchgang). Dieser Fokus wäre also erstens die Situation als psycho-soziale Konstellation von Figuren und Umständen, dann zweitens die Postition als individueller Standpunkt des Ich-Erzählers beiziehungsweise der Hauptfigur und drittens die Entwicklung als dynamisches Element der Geschichte beispielsweise im Sinne einer Komplikation/Resolution oder einer Katastrophe.
Beim Kodieren mit dem Fokus auf den Aspekt der 'Situation' entstand das Bedürfnis, den Begriff 'Situation' enger zu fassen, denn die 'offen' erstellten Kodes blieben sehr heterogen (Codes nach 43 kodierten Geschichten siehe Tabelle 6). Was ist die Situation? Welche Situation liegt vor? Wie sollen die Namen von Situationen beschaffen sein? Was sollen sie abbilden? - Eine mögliche Konzeption könne sein, die Situation als 'Raum möglicher Positionen und Entwicklungen' zu verstehen, sozusagen als 'Spielraum' der Geschichte. Bei Dostojewskij's 'Verbrechen und Strafe' beispielsweise wäre der Spielraum durch den Titel schon bezeichnet, die Geschichte muss sich also in dessen Grenzen entwickeln. Also könnte die Situation eine Art Titel sein, wobei sowohl der Raum der möglichen Positionen für Figuren, als auch die Freiheitsgrade der Entwicklung darin nach Möglichkeit abgebildet sein sollten.
Van Langenhove & Harré (1999) entwickelten zur Beschreibung von alltäglichen Konversationen eine Triade von Position, deren soziale Macht (social force of) und Geschichte (storyline, S. 18). Möglicherweise macht es Sinn, auch bei der Analyse von Erzählungen erst von den 'Positionen' auszugehen und dann zu schauen, was für eine 'Machtfülle' oder welcher 'Spielraum' diese zulässt in einem sozialen Kontext und wie sich das Geschehen entwickelt. Die Entwicklung wäre dann die 'Geschichte', die angibt, worum es sich dreht beim Spiel von Positionen und deren Wandel beschreibt.
Van Langenhove & Harré führen ein Beispiel an, bei dem es sich um ein Gespräch über Literatur handelt. Der eine Beteiligte fragt den anderen aus, ob er dieses und jenes Buch kenne. Die Autoren interpretieren das als Einnehmen einer 'Lehrer-Postition', identifizieren die Geschichte (storyline) als 'Instruktion', die entsprechend den eingenommenen Positionen abläuft. Es könnte geradesogut sein, dass sich einer der Beteiligten gegen die Positionierung wehrt und sich aus der Situation befreit. Dies meinen die Autoren offensichtlich mit der sozialen Macht der Positionierung. Man kann sie ausüben, sich darin fügen oder sich davon befreien. Van Langehove & Harré meinen "neither storylines nor positions are freely constructed. ... (the conversation) reflects narrative forms already existing in the culture, which are part of the repertoire of competent members, who ... can jointly construct a sequence of position/act-action/storline triads (S. 19f)".
Das Konzept der 'Geschichte' oder des 'Themas' (storyline bei Langenhove & Harré), verstanden nach Genette als thematischer Inhalt der Erzählung, könnte man eventuell mit meinem Konzept der 'Situation' in Verbindung bringen. Langenhove & Harré verstehen ihr Konzept der storyline mal als Handlungsschema (Bsp. 'tutorial','instruction' S. 17f), mal als Erzählschema ('hard times', S.18). Es geht also allgemein darum, abstrahierend den grössten gemeinsamen thematisch-handlungsbezogenen 'Ort' einer Interaktion von sich positionierenden Akteuren zu benennen, gleichsam die 'Szene' zu verorten in einem Personen-Konversationen-Raum (persons/conversations referential grid, S.15). So gesehen deckt sich das Konzept der storyline weitgehend mit meiner Dimension der Situation, gefasst als Konstellation von Figuren, als Ausganglage, sozialer Situation oder Problemstellung. Allerdings meinen Langenhove & Harré Konversationen und nicht 'isolierte' Erzählungen. Dennoch scheint mir das Konzept der storyline übertragbar auf Erzählungen als 'monologische' Konversationen zu sein. Anstelle eines Personen-Konversationen-Raumes tritt dann ein Personen-Geschichten-Raum. Als Leitfrage könnte man formulieren: 'Was für eine Erzählsituation im Personen-Geschichten-Raum liegt vor?'
Innerhalb der Geschichten kann es theoretisch verschiedene Arten von Positionierungen geben. Die erste Unterscheidung ist die zwischen Positionierungen erster und zweiter Ordnung. Positionierungen erster Ordnung sind 'natürliche' Positionierungen von Personen in einem sozialen Spielfeld, indem sie verschiedene mögliche und allgemein bekannte Kategorisierungen und Erzählmuster verwenden. Positionierungen zweiter Ordnung beziehen sich auf Positionierungen erster Ordnung und verneinen diese oder machen sie zum Gegenstand von Verhandlungen.
Eine weitere Unterscheidung von Positionierungen bezieht sich auf die Unmittelbarkeit der Positionierungen. Positionierungen erster und zweiter Ordnung können in einem Fluss einer Geschichte vorkommen. Sie sind sozusagen performativ, determiniert durch den Ablauf der Story. Eine Positionierung, die darüber hinausgeht, die sich dieser performativen Positionierungen annimmt und sie reflexiv verarbeitet könnte man als zuordnende oder reflexive Positionierung bezeichnen. Diese können als Positionierungen zweiter oder dritter Ordnung auf der Ebene des Sprechens über das Sprechen oder eben der Positionierung gegenüber (vergangener) Positionierungen gesehen werden.
Eine weitere Unterscheidung kann zwischen Positionierungen, die sich auf Konventionen stützen und solchen, die auf persönliche Haltungen abzielen, gemacht werden. Manche Positionierungen ergeben sich automatisch und sind verständlich durch die konventionelle Rolle des Inhabers, etwa eines/einer PolizistIn. Andere sind gänzlich in einem persönlichen Raum zu verorten, etwa in freundschaftlichen Beziehungen. Langehove & Harré sprechen in diesem Zusammenhang von moralischen (sozusagen 'öffentlichen') und persönlichen (sozusagen 'privaten') Positionierungen.
Positionierungen sind, je weniger deutlich feste Rollenbilder beteiligt sind, desto mehr Gegenstand von Verhandlungen. Indem sich jemand selbst positioniert, positioniert er/sie auch sein/ihr Gegenüber. Dieses Gegenüber sieht sich einer Position zugewiesen und kann diese annehmen, ablehnen oder zum Gegenstand einer Auseinandersetzung machen. Positionierungen finden also meistens in einem diskursiven Prozess statt. Sie können zum Gegenstand von intentionalen Handlungen gemacht werden, bewusst eingenommen oder bewusst verneint werden.
Wenn man das Konzept der Position nach Van Langenhove & Harré (1999, S.29) auffasst als Ort im Personen-Konversationen-Raum, festgelegt durch Rechte und Pflichten des Sprechens im Hinblick auf die konversationellen Machtverhältnisse an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, dann erkennt man, wie unstabil und vielfältig Postitionen sein können. Positionierung als sozialer Prozess kann somit verstanden werden als die dynamische Herstellung und Erklärung alltäglichen Handelns durch die beteiligten Personen. Es scheint also vernünftig zu sein, anzunehmen, dass in der Psychotherapie - vereinfachend verstanden als Diskurs über das seelische Leid des Klienten - auch Prozesse des Klärens und Er-klärens von Positionen und Positionierungen ablaufen. Damit scheint das Konzept der Positionierung als solches geeignet, Erzählungen in der Psychotherapie zu untersuchen. Folgende Fragestellungen könnte man im Zusammenhang mit Erzählungen behandeln:
Welche Position nimmt die Ich-Figur (oder Hauptfigur) in der Erzählung
ein?
Ist es eine selbstgewählte Position oder wird sie der Ich-Figur aufgezwungen?
Wenn es eine selbstgewählte Position ist, wird sie von anderen Figuren
in Frage gestellt?
Wenn es seine aufgezwungene Position ist, wird sie von der Ich-Figur in Frage
gestellt?
Welche Arten von Positionierungen kommen in der Erzählung vor (erster,
zweiter, dritter Ordnung)?
Worum geht es in der Geschichte?
Folgen die Handlungen den Vorgaben durch Positionierung und Thema (storyline)?
Entwickelt sich die Geschichte inklusive ihrer Positionen und in welche Richtung?
Findet eine Auflösung der Positionen, eine Festigung oder ein Positions-wechsel
statt?
Aus diesem post-strukturalistischen Blickwinkel heraus erscheinen Erzählungen - im Gegensatz etwa zu gelebten Konversationen oder Geschichten ('lived narratives') als mehr oder weniger bewusst reflektierte und im Nachhinein rekonstruierte Positionierungen und Handlungen auf verschiedenen Ebenen. Ein/e ErzählerIn kann beispielsweise seine/ihre stillschweigende, unwillkürliche Positionierung gegenüber einer anderen Figur darstellen, die Reaktionen und Gegenreaktionen anfügen und sich reflexiv dazu äussern.
Im oben angeführten Beispiel der gelangweilten Hausfrau beschreibt die Erzählerin ihre Positionierung gegenüber der Mutter als einer klagenden/ratsuchenden Tochter. Darauf schildert sie die Reaktion der Mutter, die eine leicht herablassend/beratende Position einnimmt, komplementär zur klagend/ratsuchenden Position der Tochter. Die Erzählerin reflektiert jedoch die erzählten Positionierungen in diesem Beispiel nicht (zumindest wird das in diesem Erzähltext nicht deutlich). Das würde eine Positionierung zweiter Ordnung verlangen. Was wir nicht erfahren, ist, ob sich die Erzählerin in diesem konkreten Beispiel nicht etwa innerlich, privat gegenüber der Positionierung der Mutter positioniert. Das könnte beispielsweise geschehen, indem sie sich sagt: "sie will mich immer bei sich haben", "hättest du gerne" oder "meine Mutter hat mich noch nie verstanden".
Grundsätzlich könnte man wohl die meisten Erzählungen in der
Psychotherapie als kurze biografische Ausschnitte bezeichnen. Davon ausgehend,
dass diese Darstellungen nicht im Sinne einer Lüge bewusst verfälscht
werden - dazu sollte in einem psychotherapeutischen Vertrauensverhältnis
kein Anlass gegeben sein - erhalten wir also Einblicke in ein Geschehen, das
man als eine Folge 'narrativer' Identitätsbildung auffassen könnte.
Der Erzähler/die Erzählerin lässt eine vergangene Situation Revue
passieren vor sich selbst und dem Zuhörer/der Zuhörerin. Darin positioniert
er/sie sich selbst so wie er/sie sich sieht. Diese Position ist also ein Fragment
eines Selbstbildes, ein mögliches Selbst, ein selbst besetztes Feld im
Personen-Geschichten-Raum.
Dabei ist es nicht so wichtig, ob eine Geschichte aus dem Blickwinkel des distanzierten
Betrachters in der Gegenwart (Beispiel: "Dann sagte sie ich solle sofort
gehen.") oder des im Erzählen ergriffenen Betroffenen (Beispiel: "Sagt
sie: 'Mach, dass du fortkommst'."). Bezüglich der Positionierung bleibt
es sich gleich, egal welche erzähl-technischen Mittel ein Erzähler
wählt.
Für die Kodierung der Erzählung bleiben vorerst die Leitfragen: (a) 'Welche ist die Position der Ich-Figur?' und (b) 'Welche ist die reflexive Position des/der ErzählerIn?' - Wobei man bei (a) schon ahnen könnte, dass man unterscheiden muss zwischen selbstgewählten und aufgedrängten Positionen - bei (b) zwischen rein reflexiven Positionen ("ich bin halt so") und die Positionierungen der Erzählung reflektierenden Positionen ("in dieser Situation war ich so").
Die Entwicklung beschreibt - so mein Entwurf von oben - die Ereignisse, Reaktionen, Gedanken und Erkennntisse, die sich aus der Ausgangssituation im Laufe der Geschichte ergeben. Im Vergleich mit der Positionierung/Storyline/Handlung-Triade von Langenhove & Harré (1999) ergeben sich folgende Gemeinsamkeiten und Unterschiede:
Handlung (act-action) verstehen Langenhove & Harré als sprachliche
oder parasprachliche Handlungen, deren soziale Wirkung (social force) durch
die Positionierung des Sprechers (position) und die erzählte Geschichte
(storyline) beeinflusst wird (S.17f). Die Handlungen haben eine illokutive Funktion,
indem sie zu Handlungen des Gegenübers auffordern und sie haben perlokutive
Wirkungen, indem sie im Hörer Gefühle, Gedanken und Handlungen hervorrufen.
Die intendierte Wirkung einer Sprechhandlung führt keineswegs immer zum
erwünschten Ergebnis. Perlokutive Wirkungen sind unberechenbar. Aufforderungen
werden misachtet, Positionierungen abgelehnt oder zum Gegenstand von Verhandlungen
gemacht. Positionierungen können aber auch akzeptiert werden, wie ich es
am Beispiel der fiktiven Rehabilitations-Story oben gezeigt habe. Dort wird
die aufgezwungene ungerechte Position von der Ich-Figur abgelehnt, sie nimmt
eine andere Position ein, die ihren Augen gerechte, was von den anderen Figuren
akzeptiert wird. Die Ich-Figur ist also rehabilitiert. Die Entwicklung ist die
Wiederherstellung der Gerechtigkeit oder eben das Erreichen der Akzeptanz der
'richtigen' Postition der Ich-Figur durch die andern. Die Entwicklung könnte
man also formulieren als die Veränderung der Positionen im Verlauf der
Geschichte. Eine Entwicklung findet so nur dann statt, wenn sich die Positionen
in irgend einer Form verändern.
Was aber hat die Entwicklung mit der sozialen Wirkkraft von sprachlichen Handlungen
zu tun? - Vielleicht könnte man den Zusammenhang mittels der diskursiven
Natur aller Positionierungsprozesse erklären. Jemand nimmt eine Position
ein - selbst- oder fremdbestimmt - und löst damit eine Reaktion aus, je
nach dem welche (sprachliche) Handlung seine Positionierung begleitet. Die Reaktion
des Gegenübers wiederum wirkt sich auf die Haltung der ersten Person aus
und so weiter. Diese diskursiven Prozesse entwickeln sich in eine bestimmte
Richtung.
Man könnte annehmen, dass der Prozess stabil verläuft, die Endsituation genau identisch ist wie die Anfangssituation, ohne dass sich daran je etwas geändert hat. Andererseits könnte der Prozess auch instabil sein, Positionen häufig wechseln, im extremfall unfassbar werden. Es wäre auch denkbar, dass der Prozess sich in einen Meta-Prozess verwandelt, etwa, wenn der Diskurs selbst zum Gegenstand eines neuen Diskurses wird. Die Leitfrage lautet also: 'In welche Richtung entwickelt sich die Erzählung in Bezug auf die Positionen?'
Zusammenfassend die drei Leitfragen zur Kodierung im dritten Durchgang:
Was für eine Erzählsituation ('Feld' im Personen-Geschichten-Raum)
liegt vor?
Welche ist die Position der Ich-Figur auf dem 'Spielfeld'? (Welche ist die reflexive/reflektierende
Position des/der ErzählerIn?)
In welche Richtung entwickelt sich die Erzählung im Bezug auf die Positionen?
Die Kodierung von 'Situationen' verläuft nach der erfolgten Konzeptionierung und Formulierung der Leitfrage nach der vorliegenden Erzählsituation als Ort im Personen-Geschichten-Raum strukturierter.
Es zeichnet sich nach 150 kodierten Geschichten eine Gruppe von 45 Kodes zum Fokus der 'Situation' ab. Diese 45 Kodes scheinen sich einerseits in einer sozialen Dimension zu unterscheiden, es gibt Kodes, die sich eher in einem persönlichen oder privaten Umfeld ansiedeln lassen und andere, die sozusagen öffentliche Dinge betreffen. Persönliche Ereignisse finden in unmittelbarer Nähe einer Person statt. Betroffen sind die Hauptperson und vertraute Zweite wie Partner, Freunde, Familienmitglieder oder Verwandte. Denkbar sind auch innerliche, unsichtbare Vorgänge, wie etwa stille Ablehnung, Ekel, seelische Verletzung.
Öffentliche Ereignisse geschehen dem gegenüber im 'offenen' sozialen Raum, sind sichtbar (zumindest wären sie es - wie die medizinische Behandlung) und betreffen eine grössere Gruppe von Beteiligten, die der Hauptperson weniger vertraut oder gänzlich unbekannt sind. Öffentliche Institutionen und deren Mitglieder sind beteiligt. Es wird ausgebildet, geschult, gearbeitet, therapiert. Es gibt Ansehen und Preise zu gewinnen. Man kann aber auch bestraft oder von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Van Langenhove & Harré (1999) sprechen - im Zusammenhang mit Positionierungen - von persönlichen und moralischen Positionierungen, wobei sie mit persönlich die 'Individualität' der positionierten Person meinen, mit moralisch deren gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen.
Die Entscheidung für die Situierung einer Erzählung im Personen-Geschichten-Raum könnte also durch die folgenden Fragen erleichtert werden: Geht es um eine 'persönliche' oder eine 'öffentliche' Angelegenheit?
Eine weitere Unterscheidung könnte man dahingehend machen, ob es sich um eine Erzählung handelt, in der es im weitesten Sinne um Handlungen und Geschehnisse geht, die in Richtung Harmonie zwischen den beteiligten Personen zielen oder nicht. Es gibt Geschichten, bei denen der Protagonist etwas erlebt, privat oder öffentlich, das daraufhin angelegt ist (von ihm selbst oder von anderen intendiert), harmonische Verhältnisse herzustellen, beziehungsweise eine Art von Gleichgewichtszustand zu erreichen.
In anderen Geschichten geschieht im Gegensatz dazu etwas, was die Harmonie oder das Gleichgewicht stört, sei es durch die Eigeninitiative des Protagonisten oder von aussen her, durch andere Beteiligte. So handeln viele Erzählungen, die sich eher im privaten Personen-Geschichten-Raum ansiedeln lassen, von Verletzungen, Beleidigungen, Abweisung, Enttäuschung, Kränkung. Im öffentlichen Raum geht es um Themen wie Kontrolle und Recht, Anklage, Forderung, Strafe. Zur Ermittlung der Ausrichtung einer Geschichte für den Erzähler könnte man sich auch fragen, in welche Richtung die Erzählsituation tendiert. Tendiert sie eher in Richtung Harmonie oder eher in Richtung Disharmonie?
Als zweite Frage käme zur Erleichterung der Verortung einer Erzählung
im Personen-Geschichten-Raum also die nach der Harmonie hinzu. Hat die Story
harmonie-bildende (oder sagen wir: 'konstruktive') oder harmonie-zerstörende
('destruktive') Ereignisse zum Inhalt? Mit konstruktiv ist dabei gemeint, dass
harmonie-bildende, aufbauende, die Verhältnisse bewahrende oder verbessernde
Ereignisse im Zentrum der Erzählung stehen. Destruktive Ereignisse sind
dem gegenüber solche, die die herrschenden Verhältnisse destabilisieren,
zerstören, angreifen. Sie zerstören die Harmonie und das Gleichgewicht,
im Guten wie im Schlechten.
Es zeigt sich, dass eine weitere Verfeinerung der Konzepte 'persönlich'
und 'öffentlich' und 'konstruktiv' und 'destruktiv' notwendig ist, um eine
möglichst genaue Kategorisierung von Erzählungen zu ermöglichen.
Die zwei postulierten Dimensionen Personen-Geschichten-Raumes (persönlich-öffentlich
und konstruktiv-destruktiv) müssen deshalb möglichst klar konzeptuell
abgegrenzt werden:
Persönliches betrifft in erster Linie einen selbst. Es dreht sich bei diesen Erzählungen im weitesten Sinne um das Selbst. Selbstheil, Selbstschädigung, Selbstanerkennung, Selbstbestätigung, Selbstverlust. Die Erzählperson ist betroffen im Sinne der unmittelbaren Nähe aller beteiligten Personen. Es kann sich dabei auch um innere, private und unsichtbare Vorgänge handeln. Es sind aber auch Ereignisse, die im engen familiären Rahmen von unmittelbaren Bezugspersonen sich ereigen (significant others). Öffentliche Erzählsituationen drehen sich dagegen um Autorität und Anerkennung, Einfluss, Macht, Behandlung und Entwicklung einer öffentlichen Person. Das soziale Umfeld ist sowohl bei persönlichen, als auch bei öffentlichen Diskursthemen beteiligt, wenn auch im öffentlichen - in der Natur der Sache liegend - in einem umfassenderen Mass. Im Gegensatz zu persönlichen Ereignissen sind hier grössere Gruppen von zum Teil unbekannten Personen in einem sozusagen öffentlichen sozialen Raum betroffen. Es kommen institutionelle Rollenverteilungen ins Spiel (z.B. ÄrztIn,TherapeutIn, LehrerIn, SchülerIn, KollegInnen, Vorgesetzte, KundInnen, entfernte Verwandte).
Konstruktiv heisst, die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Erhaltung oder einen Aufbau der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Destruktiv meint demnach, die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Veränderung oder Zerstörung der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Diese intendierten Veränderungen oder Zerstörungen sollen hier nicht moralisch sondern qualitativ gewertet werden. Destruktive Ereignisse können auch - im moralischen Sinne - positiv sein. Eine Anklage, eine Abweisung oder eine Forderung sind in einem gewissen Sinn destruktiv, da sie eine Veränderung wollen.
Die 45 Kodes, die zur Beschreibung der 'Situation' generiert wurden, konnten versuchsweise in die vier Quadranten des postulierten Personen-Geschichten-Raumes eingeteilt werden. Es entstanden die provisorischen Sub-Kategorien 'Status, Ansehen und Macht' (öffentlich-konstruktiv), 'Moral und Recht' (öffentlich-destruktiv), 'Selbstheil, Zuneigung und Vertrauen' (persönlich-konstruktiv) und 'Kränkung und Leid' (persönlich-destruktiv).
In diesem Versuch, Dimensionen des Aspektes der 'Situation' zu beschreiben sind thematisch ähnliche Positionierungsräume zusammengefasst dargestellt. Es handelt sich dabei um thematische Teilbereiche von Positionierungsräumen einschliesslich ihrer impliziten Spielarten. (Ebenen der Positionierung etc.) Man könnte vielleicht sagen, dass es sich um 'Mengen von Positionierungen' handelt oder um 'Positionierungs-Spielräume', 'Sphären im Personen-Geschichten-Raum'.
Auch das Konzept der 'Position' soll nun noch weiter verfeinert werden: Nicht alle Positionierungen geschehen gewollt (absichtliche/erzwungene Positionierungen, siehe Langenhove & Harré, S. 24). Man kann sich selbst willentlich oder stillschweigend positionieren, wird aber ebenso häufig von den anderen positioniert. Eine Unterscheidung der Positionierungsprozesse in 'wollen' und 'gewollt werden' scheint möglich. 'Wollen' meint dabei absichtliche oder stillschweigende Selbst-Positionierungen, 'gewollt werden' erzwungene Selbst-Positionierungen.
Im Grunde genommen können vier Formen von Positionierungen auftreten (Langenhove & Harré, S.26): Absichtliche Selbst-Positionierungen, erzwungene Selbstpositionierungen, absichtliche Fremd-Positionierungen und erzwungene Fremd-Positionierungen. Eine absichtliche Selbst-Positionierung ist eine Selbstdarstellung im klassischen Sinne. Eine erzwungene Selbst-Darstellung kann beispielsweise durch eine Befragung ausgelöst werden (etwa mit: "Wie geht es dir denn so?"). Eine absichtliche Fremd-Positionierung liegt dann vor, wenn jemand eine andere Person - anwesend oder nicht - mit Absicht positioniert (Beispiel: "Du bist schuld daran!"). Wenn die andere Person abwesend ist, ergibt sich die klassische Situation des 'Klatschgesprächs'. Eine erzwungene Fremd-Positionierung erfolgt dann, wenn jemand eine andere Person dazu zwingt, jemanden dritten zu positionieren (Beispiel: "Sag du ihm, dass er aufhören soll!").
Im Prinzip gibt es also zwei Hauptformen von Positionierungen, die Selbst- und die Fremd-Positionierungen. Dabei gibt es je zwei Unterformen, die absichtlichen und die erzwungenen Positionierungen. Es sind also vier Kategorien von Positionen denkbar.
Anhand von unserem schon zitierten Beispiel von der Hausfrau sieht man, dass die Ich-Erzählerin sich einerseits als (gelangweilte) Hausfrau positioniert, wobei nicht klar wird, ob sie das absichtlich macht, oder dazu gezwungen wird. Diese Positionierung als Hausfrau ist aber für die storyline weniger wichtig. Wichtiger scheint hier zu sein, dass sich die Ich-Erzählerin als Ratsuchende positioniert, und das mit Absicht. Niemand hat sie zu ihrer Mutter geschickt, die Mutter sie nicht nach ihren Sorgen gefragt, zumindest wird das in der Erzählung nicht deutlich. Die zentrale Positionierung zu Beginn der Handlung ist also eine absichtliche Selbst-Positionierung.
Fremdpositionierungen kommen in Erzählungen - so nehme ich an - eher selten
vor, es dürften 'performative' Positionierungen vorherrschen (Langenhove
& Harré, 1999). Diese performativen Positionierungen ergeben sich
unmittelbar aus den erzählten Ereignissen, sind auf der 'untersten' Ebene
anzusiedeln. Weil diese in den Alltags-Erzählungen dominieren, sollen also
nur performative Selbstpositionierungen erfasst werden. Absichtliche Selbstpositionierungen
werden als 'aktiv' bezeichnet, erzwungene Selbstpositionierungen als 'passiv'
(jeweils aus Blickwinkel der Ich-ErzählerIn).
Die Aktivität und Initiative der Erzählperson wurde auch schon auf andere Art und Weise formalisiert. Boothe et al. (2000, S.99) formlulieren das 'Akteur-Schicksal' folgendermassen: "Die episodischen oder Kernsegmente einer Erzählung setzen sich überwiegend aus Subjekt-Prädikat-Einheiten zusammen. Die Subjekte stehen in 'Akteur'-Position. Die Erzählung kann stets denselben Akteur haben oder insgesamt mehrere unterschiedliche Akteure. Wir können uns fragen, wie der Akteurstatus im Erzählkern besetzt ist. Um dies herauszufinden, bestimmen wir, welches charakteristische Muster die vom erzählten Ich entfaltete Initiative im Handlungsablauf bildet. 'Initiative' wird für den spezifischen Zweck ausschliesslich formal definiert: als Häufigkeit der grammatikalischen Subjektposition im narrativen Kern der individuellen Erzählepisode. Für die Bestimmung des Akteurschicksals werden lediglich Kernsegmente, nicht aber Rahmensegmente berücksichtigt."
Boothe et al. unterscheiden zwischen Ich- und Fremdinitiative. Ein Akteur kann
zu Beginn ich-initiativ sein, im Verlauf der Geschichte die Initiative abgeben
oder behalten, und zum Ende der Geschichte die Initiative wiedergewinnen. Initiative
wird dabei rein grammatikalisch-formal definiert. In meiner Untersuchung sollen
nicht die Begriffe Selbst- und Fremd-Initiative verwendet werden, sondern die
Beschreibungen 'aktiv' und 'passiv', um die Art und Weise der Positionierung
der Ich-ErzählerIn zu Beginn der Erzählung zu beschreiben. Problematisch
bei einer grammatikalisch-formalen Definition der Position der Ich-Erzählperson
könnte sein, dass Passiv-Formulierungen als Selbst-Initiative gewertet
werden, wo aus dem Blickwinkel der Positionierungs-Theorie klar wird, dass es
sich um eine erzwungene Selbstpositionierung handelt. Die Positionierung geschieht
sozusagen 'passiv'. Eine anderer Unterschied wäre die Tragweite der Kodierung.
Das Akteurschicksal meint einzelne 'Subjekt-Prädikat-Einheiten, während
die Positionierung ein globaleres Merkmal der Erzählung - eng verknüpft
mit der Erzählsituation (storyline) - bildet.
'Aktiv' heisst also, eine Ich-Erzählerin schildert, wie sie sich gegenüber
jemandem anderen aktiv postitioniert hat. 'Passiv' dagegen heisst, eine Ich-Erzählerin
erzählt, wie sie von jemandem anderen gezwungen wurde, sich zu positionieren,
also 'passiv' in die Position hinein gezogen wurde.
Die Formalisierung der Positionierungen als 'aktive' und 'passive' erlaubt auch die Erfassung von Fremdpositionierungen, wenn diese auch selten vorkommen dürften: Wird eine zeite Figur durch die Ich-Erzählerin positioniert (Fremdpositionierung), dann soll das als 'aktiv' gewertet werden, denn eine Fremdpositionierung bedeutet auch implizit eine aktive Selbstpositionierung. Wenn zum Beispiel eine Ich-Erzählerin jemandem vorwirft, seinen Verpflichtungen nicht nachzukommen, dann ist das eine absichtliche moralische Fremdpositionierung. Gleichzeitig ist es aber auch eine absichtliche, moralische Selbstpositionierung - denn die Ich-Erzählerin gibt sich indirekt das Recht, dem Andern einen Vorwurf zu machen. Wir würden also hier von einer 'aktiven' Positionierung sprechen.
Was ist eine Entwicklung? - Ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Positionen können sich ändern, zu Gunsten oder zu Ungunsten von beteiligten Personen. Es kann sich auch nichts tun, die Positionen bleiben die selben, nur das Wetter ändert sich - um ein Beispiel zu geben. Es gibt also drei Möglichkeiten: Entwicklung zu Gunsten des/der Protagonisten/in, Entwicklung zu Ungunsten des/der Protagonisten/in und keine Entwicklung des/der Protagonisten/in im Hinblick auf sein soziales Umfeld. Ohne Kontext kann es keine Entwicklung geben, denn eine Position ist nur eine Position in einem sozialen Kontext.
Wie schon beschrieben postuliert auch Gergen (1995) drei Verlaufsformen für Erzählungen: Die erste Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt her in die (evaluativ) positive Richtung auf den Endpunkt hin. Diese Form entspricht der Erzählung einer durchwegs positiven Entwicklung des Protagonisten ("Ich lernte, meine Scheu zu überwinden und wurde offen gegenüber anderen Menschen"). Eine weitere Verlaufsform entwickelt sich vom Ausgangspunkt in die negative Richtung und entspricht somit einer Erzählung einer Katastrophe ("Ich konnte die Ereignisse in meinem Leben nicht mehr kontrollieren"). Die dritte mögliche Grundform verläuft stabil in Richtung auf den Zielzustand hin, ist evaluativ neutral ("das Leben geht weiter"). Gergen nennt diese drei Formen 'progressiv', 'regressiv' und 'stabil'.
Am oben angeführten Beispiel von der hilfesuchenden Hausfrau lässt
sich zeigen, dass keine Entwicklung zu Gunsten der Protagonistin stattfindet.
Es wird keine Problemlösung gefunden. Ein Vorschlag wird zwar gemacht,
aber die Positionen verändern sich nicht. Die Protagonistin bleibt die
Ratsuchende mit ihrem Problem.
Wenn sich die Position (verstanden als Konglomerat von persönlich-sozialen
Rechten, Pflichten und Freiheiten) des Ich-Erzählers verbessert, dann ist
die Entwicklung 'positiv' oder nach Gergen 'progressiv'. Dies kann durch eine
Aktivität des Ich-Erzählers geschehen, aber ist auch durch Aktivität
von aussen möglich (unerwartete Hilfe, glückliche Fügung). Wenn
sich die Position des Ich-Erzählers verschlechtert, dann ist die Entwicklung
dementsprechend 'negativ' oder nach Gergen 'regressiv'. Wenn sich nichts tut,
die Positionen innerhalb der Geschichte unverändert bleiben, dann ist die
Entwicklung gleich 'null' ('stabil').
Durch die Erfahrungen und Erkenntnisse der ersten drei Kodierdurchgänge ist ein Raster entstanden, mit dessen Hilfe nun alle 347 Erzählungen erfasst werden können. Das Raster hat die Ausprägungen persönlich-öffentlich, konstruktiv-destruktiv, aktiv-passiv und postitiv-negativ-null. Jede Erzählung wird also auf 4 Merkmale hin untersucht. Theoretisch scheinen 24 Kombinationen dieser 4 Merkmale möglich. Diese Kombinationen wären somit die postulierten Erzählmuster.
Die Namen der einzelnen Kombinationen sind dabei nicht wörtlich zu nehmen, sie stehen stellvertretend für prototypische 'Erzähl-Gestalten' und dienen nur der Orientierung. 'Aufbruch' kann deshalb gerade so gut für 'Initiative' stehen wie für 'Angebot'. Die Subkategorien und Namen sind den in Tabelle 7 zu Gruppen zusammengefassten Kodes aus dem dritten Kodierdurchgang entlehnt, sie sollen später noch genauer und prägnanter formuliert werden.
24 mögliche Kombinationen ergeben postulierte prototypische Erzählmuster (Namen provisorisch aus Kodes generiert):
Persönlich Konstruktiv Aktiv Positiv: 'Aufbruch' ins 'Glück'
Persönlich Konstruktiv Aktiv Negativ: 'Aufbruch' ins 'Pech' Heil,
Persönlich Konstruktiv Aktiv Null: 'Aufbruch' ohne 'Folgen' Zuneigung
Persönlich Konstruktiv Passiv Positiv: 'Geschenk' des 'Himmels' und
Persönlich Konstruktiv Passiv Negativ: 'Geschenk' mit negativen 'Folgen'
Vertrauen
Persönlich Konstruktiv Passiv Null: 'Geschenk' ohne 'Folgen'
Persönlich Destruktiv Aktiv Positiv: 'Ablehnung' zum 'Guten'
Persönlich Destruktiv Aktiv Negativ: 'Ablehnung' gefolgt von 'Leid' Ablehnung,
Persönlich Destruktiv Aktiv Null: 'Ablehnung' ohne 'Folgen' Kränkung
Persönlich Destruktiv Passiv Positiv: 'Kränkung' 'überwunden'
und Leid
Persönlich Destruktiv Passiv Negativ: 'Kränkung' gefolgt von 'Leid'
Persönlich Destruktiv Passiv Null: 'Kränkung' ohne 'Folgen'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Positiv: 'Prüfung' 'gemeistert'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Negativ: 'Prüfung' 'vertan'
Öffentlich Konstruktiv Aktiv Null: 'Prüfung' ohne 'Folgen' Status
Öffentlich Konstruktiv Passiv Positiv: 'Ehrung' in Erfolg 'umgesetzt'
Ansehen
Öffentlich Konstruktiv Passiv Negativ: 'Ehrung' wird zum 'Problem' und
Heilung
Öffentlich Konstruktiv Passiv Null: 'Ehrung' ohne 'Folgen'
Öffentlich Destruktiv Aktiv Positiv: 'Forderung' wird 'erfüllt'
Öffentlich Destruktiv Aktiv Negativ: 'Forderung' wird 'abgelehnt' Anklage,
Öffentlich Destruktiv Aktiv Null: 'Forderung' ohne 'Folgen' Kontrolle
Öffentlich Destruktiv Passiv Positiv: 'Strafe' wird 'überstanden'
und Gewalt
Öffentlich Destruktiv Passiv Negativ: 'Strafe' wird zum 'Verhängnis'
Öffentlich Destruktiv Passiv Null: 'Strafe' bleibt ohne 'Folgen'
Praktisch geschieht die Kategorisierung der 349 Erzähltexte nun in einer
einfachen Tabelle, da es nicht mehr notwenig erscheint, einzelne Textstellen
präzise individuellen Kodes zuordnen zu können. Die Tabelle lässt
sich einfacher quantitativ auswerten, als eine (unsichtbare) Hyperlink-Struktur
wie eine hermeneutische Einheit im Atlas-Ti.
Bei der Kategorisierung der 349 Erzähltexte sind also nun definitiv die folgenden Fragen massgebend:
1. Handelt es sich um eine persönliche Erzählsituation (storyline)?
2. Handelt es sich um eine öffentliche/institutionelle Erzählsituation
(storyline)?
3. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich konstruktiven
Ereignissen?
4. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich destruktiven
Ereignissen?
5. Positioniert sich die/der Ich-ErzählerIn zu Beginn aktiv?
6. Wird die/der Ich-Erzähler zu Beginn positioniert?
7. Verändert sich die Position der Ich-Erzählerin zu ihren Gunsten?
8. Verändert sich die Position der Ich-Erzählerin zu ihren Ungunsten?
9. Bleibt die Position der Ich-Erzählerin unverändert?
Bei der Kategorisierung ergaben sich verschiedene Probleme: Einerseits können gewisse Geschichten nicht einer einzigen Erzählsituation (storyline) zugeordnet werden. Manchmal - selten - überlagern sich mehrere Erzählsituationen. Ein weiteres Problem tauchte bisweilen auf: Manchmal ist sich die Ich-Erzählerin nicht sicher, ob sie sich selbst aktiv postitioniert hat, oder passiv in eine Postition gedrängt wurde. Die Probleme wurden dadurch umgangen, dass bei solchen Spezialfällen mehrere Felder gleichzeitig markiert werden können.
So können die ersten sechs Felder (Fragen 1-6) im Extremfall alle gleichzeitig markiert werden, wenn sich in einer Erzählung verschiedene Erzählsituationen (storylines) überschneiden. Diese Erzählungen sind dann Sonderfälle, die nicht mehr innerhalb der oben in Tabelle 5 aufgeführten 24 Kombinationen erscheinen. Die übrigen Felder (Fragen 7-9) sind Alternativen; die Entwicklung für die Ich-Figur ist qualitativ zu bestimmen. Es kann nicht gleichzeitig eine negative und eine postitive Entwicklung (im Hinblick auf die Position) stattfinden.
Bei manchen Erzählungen fehlt eine Ich-Erzählfigur gänzlich. Sie wurden entsprechend markiert. In einem Fall wurde die selbe Geschichte zwei Mal erzählt, mit kleinen Unterschieden. Bei einem Patienten entstand verschiedentlich der Eindruck, es handle sich bei den vorliegenden Erzähltexten nicht um transkribierte Alltags-Erzählungen sondern um Tagebucheinträge oder dergleichen. Auch diese sonderbaren Erzähltexte wurden speziell markiert. Sie werden im folgenden Ergebnisteil gesondert erwähnt.
Die Ergebnisse der Analyse erlauben es, einen Teil der Fragen zu beantworten, die Eingangs gestellt wurden (siehe Fragestellung). Zur ersten Frage nach den Erzählmustern wurden einige Hinweise zusammengetragen. Es scheint möglich zu sein, Erzählungen nach gewissen Kriterien zu ordnen. Kriterien für eine solche Einordnung sind beschrieben worden. Von insgesamt 347 analysierten Erzählungen konnten deren 31 keiner der 24 postulierten Kategorien zugeordnet werden (8.9%). 316 Erzählungen wurden den 24 Kategorien zugeordnet. Es konnten alle Erzählmuster gefunden werden, allerdings in ziemlich unterschiedlichen Häufigkeiten. Man könnte die Erzählungen in einer Datenbank speichern und mittels dieser Kriterien klassifizieren. Die Entwicklung einer solchen Datenbank - mit entsprechenden Eingabemasken und Eigenschaftsfeldern - dürfte mit geeigneter Software keine allzu grossen Probleme bereiten.
Die zusätzliche Frage nach den prototypischen Erzählverläufen kann aus den erzielten Ergebnissen dieser Untersuchung nicht befriedigend beantwortet werden. Es müssten dazu weitere Schritte unternommen werden, wobei diese nach dem jetzigen Stand der Analyse leider als ziemlich aussichtslos betrachtet werden müssen. Die Schwierigkeit besteht in der Vielfalt der Erzählabläufe, die eine Festlegung eines 'prototypischen Verlaufsmusters' verunmöglichen dürfte. Eine ungeklärte Frage bleibt dabei auch diejenige nach der 'vollständigen' Erzählung. Was wäre wenn es solche prototypischen Verlaufsmuster gäbe, sich aber niemand darum kümmern würde, 'ganze' Geschichten zu erzählen?
Es ergab sich in Bezug auf die Zuordnungen in den drei Teilbereichen folgendes Bild: 62% der Erzählungen handeln von eher persönlichen Themen, 38% von eher öffentlichen. 35% schildern im Grunde genommen konstruktive Ereignisse, 65% destruktive. Bei 40% der Erzählungen nimmt die Ich-Erzählperson aktiv eine Position zu Beginn der Handlung ein. Bei 60% der Erzählungen findet sich die Ich-Erzählperson zu Beginn der Handlung in eine Position gedrängt. Etwa bei der Hälfte der Erzählungen (47%) verändert sich die Position der Ich-Erzählperson während der geschilderten Geschehnisse, bei der anderen Hälfte (53%) bleibt es bei der zu Beginn beschriebenen Position. Bei 27% der Erzählungen verändert sich die Position der Ich-Erzählperson zu deren Gunsten, bei 20% zu deren Ungunsten.
Prozentuale Anteile der Kategorisierungen pro Dimension
(100%=316 Erzählungen) nach Auschluss der
nicht-kategorisierbaren Erzählungen (31 von 347):
Persönlich: 62% Öffentlich: 38%
Konstruktiv: 35% Destruktiv: 65%
Aktiv: 40% Passiv: 60%
Positiv: 27% Negativ: 20% Null: 53%
Es werden in psychotherapeutischen Gesprächen mehr persönliche, destruktive Dinge erzählt, in die man in der Regel (passiv) hinein gerät. Das scheint soweit logisch und nachvollziehbar. Dennoch werden aber auch viele Geschichten erzählt, die von 'öffentlichen' Ereignissen und Begegnungen erzählen, von Schule und Beruf, von entfernten Verwandten und Bekannten, von Pflegern, Therapeuten und Ärzten. In vielen Fällen ist die Ich-Erzählperson durchaus aktiv, nimmt Stellung. Sehr häufig aber bleibt es bei Schilderungen von Vorgängen, ohne dass sich die Position der Ich-Erzählperson verändert. Diese Erzählungen hinterlassen beim Leser häufig den Eindruck der Abwesenheit von etwas, von einer 'Pointe' oder einem 'Punkt' eben. Die Schilderung bleibt leer, gleicht einer Chronik oder einem Bericht.
Einige Erzählungen konnten keiner der oben beschriebenen Kategorien zugeordent werden (31 oder 8.9%). Diese Erzählungen stammen von 9 verschiedenen ErzählerInnen (total 15 ErzählerInnen). Bei vier ErzählerInnen machen die nicht kategorisierbaren Erzählungen weniger als 10% der von Ihnen erzählten Erzählungen aus. Bei einem Erzähler war eine von vier Erzählungen nicht kategorisierbar. Bei zwei ErzählerInnen liegt der Anteil an nicht kategorisierbaren Erzählungen leicht über 10%. Auffallend sind weitere zwei Erzähler, von deren Erzählungen 25% beziehungsweise 50% nicht kategorisiert werden konnten. Die Erzählungen dieser beiden Erzähler werden nun genauer betrachtet, zusammen machen sie 16 der 31 nicht kategorisierbaren Erzählungen aus (siehe Tabelle 7). Bei nur drei Erzählungen war keine Ich-Erzählperson vorhanden.
Bei der Auswertung der Häufigkeiten einzelner Erzählmuster fällt auf, dass es einige Erzählmuster gibt, die in bis zu 13% der Erzählungen vorkommen und andere, die sehr selten auftreten (siehe Abbildung 10).

Abbildung 10: Prozentuale Anteile der 24 Erzählmuster nach Ausschuss der
unkategorisierbaren Erzählungen (8.9%), geordnet nach Häufigkeit
Eine Analyse der Häufigkeiten ergibt, dass die Erzählmuster 'Ablehnung', 'Kränkung', 'Strafe' und 'Aufbruch' am häufigsten vorkommen (Tabellen 11 und 12, total 39% der kategorisierten Erzählungen). Die 10 am häufigsten vorkommenden Erzählmuster decken 69% aller Erzählungen ab. Die Themenbereiche 'Ehrung', 'Prüfung', 'Forderung' und 'Geschenk' werden dagegen weniger häufig Gegenstand von Erzählungen.
Auffallend ist, dass bei den am häufigsten vorkommenden Erzählmustern keine Entwicklung im Sinne einer Positions-Veränderung der Position der Ich-Erzählperson stattzufinden scheint. Diese Erzählungen ohne Entwicklung machen den grösseren Teil dieser genannten 69% (10 häufigste Erzählmuster) aus, nämlich 44%.
In Abbildung 11 ist ersichtlich, dass sich die am häufigsten vorkommenden
Erzählmuster auf den persönlichen Bereich konzentrieren und dabei
wiederum auf den destruktiven Teil. In absoluten Häufigkeiten ausgedrückt
sind das 122 von 316 Erzählungen (39%).

Abbildung 11: Absolute Anteile der einzelnen Erzählmuster, thematisch
geordnet,
markierter Bereich: persönlich-destruktive Erzählmuster
Wenn man diejenigen Erzählungen ausser acht lässt, in denen keine Veränderung der Position der Ich-Erzählperson geschieht, dann erkennt man, dass in diesen Erzählungen vor allem schwierige Situationen überstanden oder gemeistert werden, Neuanfänge versucht, Ehre und Beschenkung erfahren werden. Aber auch das Leiden an Verletzungen, an Ablehnung und an Strafe wird zum Gegenstand dieser Geschichten.
Die Namensgebung der Kombinationen erfolgte in der vorerst provisorisch. In
einem weiteren Schritt kann man nun mit den Erfahrungen aus dem vierten Kodierdurchgang
für die 10 häufigsten Erzählmuster noch treffendere Beschreibungen
und Namen suchen. Das soll nun versucht werden.
Das am häufigsten vorkommende Erzählmuster ist persönlich/destruktiv/passiv/null. Das heisst, diese Erzählungen drehen sich um Ereignisse, in die die Ich-Erzählfigur persönlich verstrickt ist und die darauf ab zielen, die bestehenden Verhältnisse in irgend einer Weise zu verändern. Die Ich-Erzählfigur findet sich passiv in diesem Sub-Personen-Geschichten-Raum positioniert, eine Entwicklung im Sinne einer Veränderung ihrer Position findet innerhalb der Erzählung nicht statt. Persönlich-destruktive Erzählungen handeln laut den unvollständigen, anhand von 150 Erzählungen erstellten Kodierungen (Tabelle 7) von Abweisung, Beleidigung, Eingrenzung, Ekel, Enttäuschung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Lüge, Rückzug und Trotz. Abweisung, Lästern, Rückzug und Trotz verlangen eindeutig 'aktive' Positionierungen und fallen deshalb weg. Die verbleibenden Kodes können grob in zwei Gruppen eingeteilt werden:
1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung,
Lüge
Es scheint sich also einerseits um Kränkungen, Beleidigungen, Verletzungen und ähnliches zu handeln, also Ereignisse, bei denen die Ich-Erzählperson in ihrer 'Integrität' angegriffen wird (1). Andererseits gehören Ereignisse zu dieser Gruppe, wo die 'Moral' der Ich-Erzählperson angegriffen wird.
Diese Thematik der Angriffe auf die Integrität und die 'Moral' der Ich-Erzählperson könnte man, wie bereits geschehen, im Begriff 'Kränkung' zusammenfassen. Dieser Begriff scheint geeignet zu sein, da er schon im alltäglichen Gebrauch einen doppelten Sinn hat: Einerseits stammt er von Krankheit her, meint also Angriffe auch auf das körperliche, die Integrität, etwa durch Viren. Andererseits ist er klar auf die Moral bezogen, meint einen Angriff auf die moralische Einstellung, die psychische Konstitution eines Menschen.
Nun bleiben diese 'Kränkungen' in diesem am häufigsten vorkommenden Erzählmuster ohne Folgen, es findet keine Entwicklung statt. Es bleibt einfach bei der 'Kränkung', die Ich-Erzählperson ist 'gekränkt' und dabei bleibt es in diesen Erzählungen.
Das am zweithäufigsten vorkommende Erzählmuster ist öffentlich/destruktiv/passiv/null. Aus der Tabelle 4 stammen die folgenden Kodes für den Bereich öffentlich/destruktiv: Anklage, Auffliegen, Drohung, Forderung, Kontrolle, Strafe, Verpflichtung und Vorwurf. Anklage fällt weg, da es eine aktive Positionierung verlangt. Die verbleibenden Kodierungen kreisen um Drohung, Forderung, Verpflichtung und Vorwurf auf der einen und Auffliegen, Kontrolle und Strafe auf der anderen Seite. Die Ich-Erzählperson sieht sich einem gesellschaftlichen Zwang gegenüber, wird bestraft für Vergehen gegen die 'öffentliche' Ordnung. Die Ich-Erzählfigur wird gemahnt, sich an die Regeln zu halten, es wird ihr mit Sanktionen gedroht, mit 'Veröffentlichung' etc. . Man könnte vielleicht sagen, dass es sich bei diesen Vorgängen immer um stillschweigende Anklagen der Ich-Erzählperson durch andere handelt. Die Ich-Erzählperson wird in die Position gestellt, etwas Unrechtes getan zu haben, Verpflichtungen nicht erfüllt zu haben oder ähnliches. 'Anklage' wäre wohl der treffendere Begriff für diese Kategorie von Erzählungen als 'Strafe'. 'Anklage' meint aber implizit eine Aktivität der Ich-Erzählperson im Sinne eines Anklägers, nicht eines Angeklagten (worum es hier ja geht). Daher soll neu der Begriff der 'Schuld' für diese Kategorie verwendet werden, womit der passiven Positionierung der Ich-Erzählperson bei diesen Erzählungen verstärkt Rechnung getragen wird.
Eine Erzählung dieser Kategorie ist persönlich/konstruktiv/aktiv/null.
Das heisst, sie handelt von persönlichen Ereignissen, die die bestehenden
Verhältnisse bewahren oder verbessern sollten, die Ich-Erzählperson
positioniert sich aktiv, verändert die Position innerhalb der Erzählung
jedoch nicht. Diese Erzählungen handeln von Heil, Zuneigung und Vertrauen.
Die Kodes Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen, Schenkung, Überraschung,
Aufbruch, Freude, Impulskontrolle, Initiative und Trost wurden dem Sektor persönlich/konstruktiv
zugeordnet. Schenkung, Überraschung, Trost fallen weg, da sie eine passive
Positionierung verlangen. Es bleiben also Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen,
Aufbruch, Freude, Impulskontrolle und Initiative.
Der Begriff 'Aufbruch' scheint für diese Kategorie ziemlich gut geeignet,
denn er meint einerseits das Ergreifen von Initiative, jemand bricht auf zu
Taten und Reisen. Damit wären die Kodes Andeutung, Angebot, Ins-Vertrauen-Ziehen,
Aufbruch und Initiative gut abgedeckt. Die Kodes Erwartung, Freude und Impulskontrolle
stehen etwas abseits, sie sind eher statisch zu verstehen, eher bewahrend und
daher auch konstruktiv. Die Aktivität besteht hier darin, innerlich Stellung
zu nehmen, vielleicht auch innerlich aufzubrechen. Deshalb soll der Begriff
'Aufbruch' für diese Kategorie beibehalten werden.
Diese Erzählungen wurden als persönlich/destruktiv/aktiv/null kategorisiert.
Sie handeln somit von persönlichen und destruktiven Ereignissen, wobei
sich die Ich-Erzählperson aktiv positioniert. Von den Kodes (Tabelle 7)
treffen die folgenden auf dieses Muster zu:
Abweisung, Zerwürfnis, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Rückzug
und Trotz. Gemeinsam scheint diesen Kodes eine ablehnende Haltung der Ich-Erzählperson
zu sein, wobei sich die Mittel der Äusserung und der Durchsetzung dieser
Ablehnung unterscheiden. Eine Entwicklung der Position der Ich-Erzählperson
findet in diesen Erzählungen nicht statt.
Die Kategorie der persönlich/destruktiv/passiv/positiven Erzählungen wurde provisorisch als 'überwundene Kränkung' benannt. Die Kodes teilen sich wie gehabt in zwei Gruppen auf:
1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung,
Lüge
Zusätzlich zur Kränkung ereignet sich in diesen Erzählungen eine Veränderung der Position der Ich-Erzählperson zu deren Gunsten. Das heisst, die Lage der Ich-Erzählperson verbessert sich im Hinblick auf ihre Rechte und Möglichkeiten entweder durch ihr dazutun oder von aussen her initiiert. Die Kränkung wird also zumindest teilweise überwunden, wenn man davon ausgeht, dass mit der erfolgten Kränkung eine Position verbunden war, die zu Ungunsten der Ich-Erzählperson ausgestattet war. Jede Verbesserung der Position zielt also in Richtung einer Verarbeitung und letztendlich Überwindung der Kränkung. Daher soll die provisorische Benennung dieser Kategorie beibehalten werden.
Diese Erzählungen sind als persönlich/konstruktiv/passiv/null kategorisiert. Die dazugehörigen Kodes sind Andeutung, Schenkung, Überraschung und Trost. Es geschieht ein Angebot, ein Geschenk, eine freudige Überraschung oder Trost von aussen, die Ich-Erzählperson ist passiv darin verwickelt und verändert ihre Position in der Erzählung nicht. Es bleibt bei der Schilderung einer 'Beschenkung', wobei beim Begriff der 'Beschenkung' der passive Aspekt des Geschehens noch hervorgehoben wird. Die provisorische Benennung 'Geschenk' wird also zugunsten von 'Beschenkung' aufgehoben.
Die als persönlich/destruktiv/aktiv/negativ kategorisierten Erzählungen lassen sich mit den Kodes Abweisung, Zerwürfnis, Ablehnung, Abneigung, Lästern, Lüge, Rückzug und Trotz beschreiben. Zusätzlich zu der schon besprochenen ablehnenden Haltung kommt hier eine negative Entwicklung dazu, das heisst, die Ich-Erzählperson nimmt am Ende der Erzählung eine ungünstigere Position ein, als zu deren Beginn. Die erfolgte Ablehnung führt also zu einer leidvollen Entwicklung, möglicherweise bestehen hier Ähnlichkeiten zu der von Rehbein (1980) beschriebenen 'Leidensgeschichte'. Der Begriff 'Leidensgeschichte' scheint aber hier zu unspezifisch zu sein, denn er würde auf mehrere Kategorien zutreffen. Vielleicht wäre 'Ablehnung mit negativen Folgen' die bessere Bezeichnung als 'Ablehnung gefolgt von Leid'.
Die Erzählungen dieser Kategorie sind mit öffentlich/destruktiv/passiv/positiv beschreibbar. Es handelt sich dabei um die Kodes Anklage, Auffliegen, Drohung, Forderung, Kontrolle, Strafe, Verpflichtung und Vorwurf. Dazu kommt eine positive Entwicklung für die Ich-Erzählperson. Für Erzählungen der provisorischen Kategorien der 'Strafe' wurde bereits entschieden, den treffenderen Begriff der 'Schuld' zu verwenden. Es wird also hier nicht eine Strafe überstanden, sondern eine 'Schuld' beglichen, gesühnt oder abgewiesen. Die 'Schuld' kann auch zu unrecht der Ich-Erzählperson zugeordnet worden sein. 'Schuld' soll hier so weit gefasst wie möglich verstanden werden. Jemand wird schuldig, bleibt etwas schuldig, steht im Verdacht, schuldig zu sein usw.. Die 'Aufhebung' der Schuld ist eine 'Wiedergutmachung' - nicht im finanziellen, aber im moralischen Sinne. Die Kategorie soll also 'Wiedergutmachung' genannt werden. Das fiktive Erzählmuster der 'Rehabilitationsgeschichte' aus dem ersten Kodierdurchgang würde wohl in diese Kategorie gehören.
Diese Erzählungen wurden als persönlich/konstruktiv/aktiv/positiv kategorisiert. Zu den ersten drei dieser Merkmale (persönlich/konstruktiv/aktiv) gehören die Kodes Andeutung, Angebot, Erwartung, Ins-Vertrauen-Ziehen, Aufbruch, Freude, Impulskontrolle und Initiative. Darauf folgt eine positive Entwicklung für die Ich-Erzählperson. Der Begriff 'Aufbruch' wurde gewählt für weitgehende verschiedenen Aktivitäten der Öffnung, der Initiative, der Begegnung. Ein Aufbruch in eine 'bessere Welt' geschieht hier, vielleicht nicht gerade ins Glück, so aber doch mit positiven Folgen. Eine 'Chance' wird wahrgenommen, eine Gelegenheit beim Schopf gepackt. Da der Begriff 'Glück' irreführend sein könnte, wird neu der Ausdruck 'Aufbruch mit positiven Folgen' gewählt. Griffiger - aber eventuell ebenso irreführend - könnte der Begriff 'Gewinnergeschichte' sein.
Diese Erzählungen sind als persönlich/destruktiv/passiv/negativ kategorisiert worden. Wie gehabt passen dazu die folgenden Kodierungen:
1. Beleidigung, Eingrenzung, Grenzüberschreitung, Kränkung, Verletzung,
2. Ekel, Enttäuschung, Zerwürfnis, Zumutung, Ablehnung, Abneigung,
Lüge
Eine Kränkung führt zu noch grösserem Leid, es folgt ein 'Absturz'. Diese Geschichten könnte man im Kontrast zu den im vorigen Unterkapitel beschriebenen 'Gewinnergeschichten' als 'Verlierergeschichten' bezeichnen. Dabei soll man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei den beiden um persönliche Erzählungen handelt und nicht etwa um öffentlichen, gesellschaftlichen Gewinn oder Verlust.
Die zum Teil neu benannten 10 häufigsten Erzählmuster sind in untenstehender Tabelle noch einmal zusammengefasst.

Zusammenfassend bleibt noch einmal festzuhalten, dass auffälligerweise die 'statischen' Beschreibungen von Kränkungen, Schuld, Aufbruch, Ablehnung und Beschenkung deutlich zu überwiegen scheinen. Die 'dynamischen' Erzählungen der überwundenen Kränkung, der Ablehnung mit negativen Folgen, der Wiedergutmachung, des Aufbruchs mit Gewinn und der Kränkung mit negativen Folgen sind in der Minderzahl. Es überwiegen also - mit Gergen (1995) gesprochen - die 'stabilen' Erzählmuster, während 'regressive' oder 'progressive' Erzählmuster seltener vorkommen.
Aufgrund der im theoretischen Teil dieser Arbeit dargelegten Schwierigkeiten bei der Erforschung von Regelmässigkeiten und Muster des alltäglichen Erzählens wählte ich einen eher thematisch denn grammatikalisch ausgerichteten Ansatz. Die Entscheidung für die qualitative sozialwissenschaftliche Methodik war dadurch naheliegend. Sprachwissenschaftliche Untersuchungsmethoden schienen der Fragestellung weniger angemessen als qualitativ-interpretierende Methoden der Sozialwissenschaften.
Eine erste methodische Schwierigkeit ergab sich bei der Frage des offenen oder freien Kodierens. Sollten theoretische Vorannahmen die Kodiertätigkeit leiten oder soll vollkommen offen kodiert werden? - Ich entschied mich für das offene Kodieren, in der Hoffnung und der Annahme, dass dadurch auch weiterführende Einsichten entstehen könnten. Diese Einstellung gehört ja ebenfalls zur qualitativen Methode der 'grounded theory'. Man soll nichts verschenken, möglichst nahe am Textmaterial bleiben, so lange es geht.
Durch diese Nähe zum Text ergab sich aber schon bald die Notwendigkeit einer Einschränkung, da ansonsten die Fülle an Kodes den Rahmen der Arbeit zu sprengen drohte. Die Entscheidung fiel nach einer Gruppierung der Kodes in Familien. Es zeichneten sich drei Bereiche ab: die thematische Situation der Erzählung, die Position der Ich-Erzählfigur und die Entwicklung der Story. Diese drei Bereiche bildeten daraufhin die 'Leitlinien' der weiteren Kodierarbeit. Die Konzepte konnten mit Hilfe von Theorien und methodologischen Anleitungen verfeinert werden. Es entstand ein Raster für die Kategorisierung von Erzählungen mit vier Dimensionen: persönlich-öffentlich, konstruktiv-destruktiv, aktiv-passiv und positiv-negativ-null.
Grammatikalische Eigenschaften oder Merkmale des Verlaufs von Erzählungen waren dabei weniger wichtig als thematische und dynamische Aspekte der Erzählung. Aufgrund der Fragestellung und der erwartbaren Ergebnisse bin ich der Meinung, war die Entscheidung vernünftig.
Eine Schwierigkeit ergab sich bei der freien Kodierung: Wie frei war die Kodierung von Beginn weg? Welche Kontrollmassnahmen wurden ergriffen? Beeinflussten vielleicht doch unbewusst verschiedene Theorien den Kodiervorgang?
Es ist enorm schwierig, im Alleingang zu kodieren, Kodes zu abstrahieren, Klassen zu bilden, etc.. Es wäre angebracht, bei einem solchen Projekt in einem Team zu arbeiten. Was wiederum einen bedeutenden Aufwand an Koordination erfordern würde. Entsprechende Forschungsprojekte müssten sorgfältig geplant werden. Vielleicht bietet das Internet gewisse Erleichterungen in Zukunft, da man, wenn man Platz auf einem Server zur Verfügung hat, die Daten des Atlas-Ti gegenseitig austauschen kann. Damit hätte man schon eine Möglichkeit, die Arbeit von Team-KollegInnen zu verfolgen und gegebenenfalls laufend zu kritisieren.
Ein weiteres Problem liegt in der Qualität der Daten. Wie im Ergebnisteil
besprochen, konnte im Verlauf der Analyse aller Erzähltexte festgestellt
werden, dass einzelne Texte offenbar keine transkribierten Erzähltexte
waren, sondern schriftlich festgehaltene Kommentare im Tagebuch. Wie steht es
darüber hinaus mit der Extraktion von Erzählungen aus Gesprächs-Transkripten?
Wo ist der Anfang und wo das Ende einer Erzählung?
Die Fragen bezüglich der Operationalisierung des Konzeptes der 'Erzählung'
müssen hier unbeantwortet bleiben, die Erfassung der Daten war nicht Thema
dieser Arbeit. Sie muss aber bei der Diskussion der Ergebnisse Erwähnung
finden, da die Güte einer Untersuchung auch von den ihr zugrundeliegenden
Daten abhängt. Bei dieser Untersuchung wurden die Erzähltexte aus
dem Archiv der Abteilung klinische Psychologie I übernommen, ohne dass
daran etwas verändert wurde.
Der Prozess des 'Ratings' aller Erzählungen am Schluss der Untersuchung
kann ebenso kritisiert werden. Nachdem eine theoretisch und ökonomisch
vertretbare Methode zur Klassifizierung der Erzählungen erarbeitet worden
war, wurden alle Erzähltexte mittels dieser Methode 'bewertet'. Dieser
Prozess wurde von mir allein durchgeführt, was die Qualität der Klassifizierungen
möglicherweise beeinträchtigt hat. Es wäre von einem methodischen
Standpunkt aus sinnvoller gewesen, wenn mehrere 'Rater' diese Erzählungen
bewertet hätten, so dass man z.B. eine Inter-Rater-Reliabilität hätte
berechnen können. So bleibt dieser Prozess ein 'Pilot-Projekt'. - Zwangsläufig
ist das bei einer im Alleingang durchgeführten qualitativen Untersuchung
der Fall.
Zu diesem 'Rating' muss auch gesagt werden, dass es keinesfalls möglich
war, alle Erzählungen eindeutig zu bewerten beziehungsweise einer Kategorie
zuzuordnen. Fast 10% der Erzählungen fielen in die Kategorie der 'nicht-kategorisierbaren'
Erzählungen. Darüber hinaus war die Entscheidung in einigen Fällen
nicht ganz einfach zu treffen, welches die 'Situation', die 'Position' der Ich-Erzählperson
und die 'Entwicklung' der Erzählung war. Zur Illustration dieser Schwierigkeiten
sei hier eine Erzählung angeführt und besprochen:
Handelt es sich bei dieser Erzählung um eine persönliche oder um eine
öffentliche? - Ich entschied mich für persönlich, denn es geht
um die Schilderung einer persönlichen, heroischen Tat (sich fünf Tage
lang zusammenreissen) und die darauffolgenden Ereignisse. Sind die Ereignisse
grundsätzlich als konstruktiv oder als destruktiv zu betrachten? - Ich
entschied mich für konstruktiv, da es der Erzählerin und Ich-Person
der Erzählung darum ging, dabei zu sein, nicht sich abzusondern. Sie wollte
ins Engadin, sie wolle tapfer sein. Damit ist auch gegeben, dass sie sich aktiv
positioniert. Was geschieht darauf, wie entwickelt sich die Position der Ich-Person?
- Diese Entscheidung ist wiederum nicht einfach zu treffen. Sicher scheint mir,
dass sich die Position nicht verbessert. Bleibt sie gleich? - Meiner Meinung
nach nicht, denn innerlich steht die Ich-Person am Ende schlechter da, als am
Anfang. Vielleicht traut sie sich noch weniger zu, hat Angst, fertig gemacht
zu werden, bezeichnet sich als Versagerin. Es scheint mir, dass sich die Position
negativ entwickelt hat.
Anhand von obigem Beispiel sind die Schwierigkeiten des 'Ratings' zu erkennen:
Entscheidet man sich im Zweifelsfall für eine Ausprägung oder für
keine? Fällt die Erzählung als nicht kategorisierbar heraus oder bleibt
sie drin, mit einer nur halb vertretbaren Entscheidung zu Gunsten einer Kategorie
von Erzählungen?
Die Entwicklung eines Manuals und von genauen Kriterien zur Bewertung von Erzähltexten
nach der hier entwickelten Methode wäre notwenig. Ein knapper Entwurf eines
solchen Manuals ist im Anhang beigefügt.
Von den im theoretischen Teil besprochenen Ansätzen schienen mir nur wenige geeignet, alltägliches Erzählmaterial zu analysieren, um es Vergleichen zu unterziehen. Es schien unabdingbar, dass ein oder mehrere Merkmale den thematischen Gehalt umreissen sollten. Andererseits musste ein Element der Entwicklung, ähnlich wie bei Propp, in der Beschreibung enthalten sein. Eine solche Beschreibung von Erzählungen - im Hinblick auf eine Typologie - musste also mehrschichtig oder multidimensional sein.
Ein 'mehrschichtiges' Beispiel für eine spezifische Erzähl-Struktur gab Rehbein (1980) in seiner Analyse von 'Leidensgeschichten'. Er verwendete zur Beschreibung von Erzählungen zusätzlich auch Wissensmerkmale, Bühnenmerkmale, Entscheidungsmerkmale, Bewertungsmerkmale, inhaltliche Merkmale (Skandalon), emotionale Merkmale und sogar auch hörerseitige Merkmale.
Laut Rehbein (1980) haben 'Leidensgeschichten' die folgenden Strukturmerkmale:
(1) Der Aktant verhält sich 'normal'
(2) durch die Normalität seines Handelns wird er Gegenstand einer Offensivhandlung
mit einem gegnerischen Aktanten, dem Offender, er selbst wird Opfer (Konstellation)
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel;
(4) durch (3) verstrickt er sich tiefer in die Geschichte;
(5) dem Aktanten wird klar, dass er aufgrund einer Konstellation Opfer geworden
ist (=Skandalon);
(6) das Andauern der Konstellation erzeugt Hilflosigkeit beim Aktanten;
(7) der Aktant sucht Hilfe bei einem Kooperanten.
Dieser Typus hat gewisse Ähnlichkeiten mit den oben beschriebenen Erzählkategorien der 'Kränkung', der 'Schuld' und der 'Verlierergeschichte'. Eine 'Verstrickung' durch das 'Ergreifen von Gegenmitteln' und die Hilflosigkeit mit darauf folgender Suche nach Hilfe, trifft allerdings höchstens auf die 'Verlierergeschichten' zu. Die Eigenheiten der 'Leidensgeschichten' bei Rehbein könnten aufgrund seines Forschungsgegenstandes entstanden sein, er untersuchte Erzählungen von Hilfesuchenden bei einer sozialen Beratungsstelle. Ein weiterer von ihm beschriebener Typus ist die Siegesgeschichte. Diese hat laut Rehbein die folgenden Merkmale:
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung
verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts, Verstrickung
auf höherer Ebene);
(4) Durch eine Idee (einen Einfall, eine List, einen Trick, eine Taktik usw.
oder einfach eine Handlung oder ein Ereignis) bringt der Aktant eine überraschende
Wende in die zwangsläufige, gegen ihn gerichtete Entwicklung der Konstellation
(Überraschung);
(5) positive Folgen für den Aktanten;
(6) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein bestimmtes Ereignis/eine
Handlung/ ein Einfall usw. unter den geschilderten Umständen einen positiven
Effekt herbeiführen kann.
Dieser Typus ist den in dieser Untersuchung konstruierten Erzählkategorien der 'überwundenen Kränkung' und der 'Wiedergutmachung' ähnlich. Eine Person wird passiv in ein destruktives Geschehen verwickelt, muss eine ungünstige Position einnehmen, kann sich aber auf eine positivere Position 'retten'. Das selbe gilt für den dritten von Rehbein beschriebenen Typus, der Bewähltigungsgeschichte:
(1) Der Aktant wird trotz korrekten Handelns in eine potentielle Konflikthandlung
verstrickt (Konstellation der Verstrickung);
(2) Realwerden des Konflikts (Offenbarwerden der Verstrickung);
(3) der Aktant ergreift ein Gegenmittel (Zuspitzung des Konflikts);
(4) Er bringt sich damit in eine Situation, in der er handlungsfähig ist;
(5) Durch einen gemeinsamen Aushandlungsprozess zwischen den beiden am Geschehen
Beteiligten wird eine Wende in die zwangsläufige, gegen den Aktanten gerichtete
Entwicklung der Konstellation gebracht;
(6) die Handlungsfähigkeit des Aktanten ist restituiert;
(7) Lehre (Erkenntnis aus dem Erzählten), dass ein Aushandlungsprozess
unter den geschilderten Umständen die negative Entwicklung aufhalten sowei
die Handlungsfähigkeit wiederherstellen kann.
Der Vergleich mit Rehbein zeigt, dass sich vor allem diejenigen Erzählmuster, die eine passive Verstrickung der Erzählperson beinhalten, den von ihm beschriebenen Mustern ähnlich sind (ausser der 'Beschenkung'). Diejenigen Erzählmuster, die zu Beginn der Handlung eine aktive Positionierung der Erzählperson verlangen, scheinen hingegen von Rehbein nicht beschrieben worden zu sein. Es handelt sich dabei um die in meiner Analyse entwickelten Erzählmuster 'Aufbruch', 'Ablehnung', 'Ablehnung mit negativen Folgen' und 'Gewinnergeschichte'.
Zwei andere Bespiele von komplexen Erzählmustern fand Todorov. In seinen Beispielen ging es darum, die alternativen Elemente von Erzählungen zu vergleichen. Dadurch fand er die beiden Erzählmuster des 'Dekameron' ('Die vermiedene Bestrafung' und 'Die Bekehrung', 1972). Das Muster der 'vermiedenen Bestrafung' könnte man vielleicht vergleichen mit dem der 'Wiedergutmachung', wobei Todorov 'Vergehen' beschreibt, die sich im Verborgenen abspielen und eine Strafe meist dadurch vermieden wird, dass die strafbare Handlung nicht an die Öffentlichkeit dringt. Bei der 'Wiedergutmachung' geschieht ebendas, worauf es aber der angeklagten Person gelingt, ihre 'Schuld' - in welcher Weise auch immer - zu tilgen oder erfolgreich abzuweisen. Was das zweite Muster von Todorov angeht, die 'Bekehrung', kann hier in diesem Rahmen kein ähnliches Muster gefunden werden. Es sei denn, man betrachtet wiederum die 'Wiedergutmachung' unter dem Aspekt der Bekehrung, was allerdings ziemlich gewagt erscheint. Hier wird meiner Meinung nach deutlich, dass es sich bei Todorov um literarische Erzählmuster handelt. Eine 'Bekehrungsgeschichte' verlangt einen komplexen Aufbau, was wahrscheinlich den Rahmen von Alltagserzählungen sprengt.
Helden- oder Siegesgeschichten, wie sie etwa Propp in seiner 'Morphologie des Märchens' beschreibt, konnten keine gefunden werden. Das Erzählmuster der 'Gewinnergeschichte' geht von einem aktiven Aufbruch der Ich-Person aus, der von 'Gewinn' gekrönt ist. Es handelt sich hier nicht um einen 'Helden', der sich und andere aus einer von einem 'bösen' Gegenspieler hergestellten gefährlichen Situation rettet. Solche Erzählungen scheinen in psychotherapeutischen Gesprächen selten vorzukommen.
Auffallend bei diesen Vergleichen ist auch die Überzahl von Erzählungen in der Psychotherapie, bei denen keine Veränderung der Position der Ich-Person stattfindet. Die von Rehbein, Todorov und Propp beschriebenen Erzählmuster beinhalten alle eine solche Veränderung. In der Psychotherapie schienen die 'beschreibenden' Erzählungen in der Mehrzahl zu sein, nicht die 'dynamischen'. Das scheint im Hinblick auf Todorov und Propp auf der Hand zu liegen, erwartet man doch von literarischen Erzählungen (zumindest von 'klassischen') und von Märchen eine gewisse Entwicklung der Positionen. Rehbein hingegen hat Alltags-Erzählungen in Beratungsgesprächen untersucht, eine ähnliche Datensorte als. Daher ist es ein wenig erstaunlich, zu welchen Resultaten er gelangt. Seine Erzählungen und Erzählmuster erscheinen 'rund', in sich abgeschlossen. Hier hingegen erscheinen viele Erzählungen brüchig, fragmentarisch. Vielleicht ist das auf Unterschiede in der Natur der Gespräche oder der Operationalisierung von 'Erzählung' zurückzuführen. Sollte nämlich Rehbein nur 'runde' Erzählungen ausgewählt und analysiert haben, wären seine Ergebnisse erklärbar.
Möglicherweise kann der hier konstruierte methodische Ansatz überdacht
und weiterentwickelt werden. Ebenso die Beschreibung von einzelnen Erzählmustern.
Die Positionierungs-Theorie könnte sich beispielsweise neben neueren Theorien
zur Identitätsbildung durch Narration für die vertiefte Analyse von
spezifischen Erzählmustern als fruchtbar erweisen. Es könnte versucht
werden, prototypische Verläufe von Erzählmustern zu beschreiben, ähnlich
wie dies Rehbein (1980) getan hat. Man könnte auch neue Kriterien für
die Kategorisierung von Erzählungen oder eine neue Operationalisierung
für deren Extraktion aus Transkripten entwerfen.
Boothe hat in einer Art 'erzählerischer Kombinatorik' idealtypische Spannungsverläufe von Erzählungen beschrieben (Boothe, 1994, S. 24; 2000, S. 144). Diese idealtypischen Spannungsverläufe konnten nicht befriedigend durch Erzähltexte belegt werden (2000, S. 106), weshalb ein einfacheres Modell gewählt wurde. Das einfachere Modell ist im Grunde identisch mit dem oben verwendeten 'Entwicklungsmodell'. Es gibt 'gute', 'schlechte' und 'stagnierende' Verläufe von Erzählungen. Die Beurteilung des Verlaufes nach Boothe sieht folgendermassen aus: Die Startdynamik führt gefolgt von einer Entwicklungsdynamik zur Ergebnisformulierung. Der Start ist dort, 'wo es losgeht'. Das Ergebnis zeigt, 'wie es ausgeht'. Der Verlauf ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Start und dem Ergebnis ('am Schluss ist es besser/so-gut-wie/schlechter als am Anfang', S. 106). In der von mir gewählten Beschreibung von Erzählverläufen ist im Gegensatz dazu nur die Veränderung der Position der Ich-Erzählperson massgebend für das Urteil, ob eine Entwicklung 'positiv', 'negativ' oder 'null' ist. Möglicherweise erlaubt eine solche Einschränkung
Weitere Fragestellungen könnten sein: Kann man Psychotherapie verstehen als 'Hilfe beim Geschichtenerzählen' bzw. 'Erzähltraining' (siehe auch Meares, 1998)? Sind Geschichten gegen Ende der (erfolgreichen?) Therapie 'runder', 'vollständiger' als am Anfang? Verändert sich die Art und Weise, wie jemand erzählt, welche Erzählmuster er verwendet und so weiter? Welche Erzählmuster-Verteilungen und Erzählmuster-Verläufe zeigen sich typischerweise bei Patienten/Patientinnen abhängig von Faktoren wie Geschlecht, Bildung, Alter, Diagnose etc.?
Der Beantwortung einiger solcher Fragen könnte man vielleicht unter Anwendung und Weiterentwicklung der hier beschriebenen Methode näher kommen. Gergen & Gergen (1988) halten einleitend und ihren eigenen Artikel kommentierend fest und da möchte ich mich anschliessen: "This is a story about stories." - Eine unendliche Geschichte...
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Erzählungen werden nach einem festgelegten Raster bewertet. Jede Erzählung
wird auf 4 Merkmale hin untersucht. Die vier Merkmalsdimensionen sind:
1. persönlich-öffentlich
2. konstruktiv-destruktiv
3. aktiv-passiv
4. postitiv-negativ-null
Theoretisch scheinen 24 Merkmals-Kombinationen möglich (siehe Tabelle XX). Diese Kombinationen heissen 'Erzählmuster'. Die Namen der einzelnen Erzählmuster sind provisorisch, sie stehen stellvertretend für postulierte prototypische Erzähl-Gestalten und dienen nur der allgemeinen Orientierung. 'Aufbruch' kann gerade so gut für 'Initiative' stehen oder für 'Angebot'.
Die Kategorisierung der Erzähltexte geschieht in einer einfachen Tabelle. Die Tabelle hat mindestens 5 Spalten (Erzählung/A/B/C/D). Es sind die folgenden Fragen massgebend:
1. Handelt es sich um eine persönliche Erzählsituation (storyline)?
A=1
Handelt es sich um eine öffentliche/institutionelle Erzählsituation
(storyline)? A=2
Handelt es sich um eine sowohl persönliche als auch öffentliche/institutionelle
Erzählsituation? A=3
2. Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich konstruktiven
Ereignissen? B=1
Handelt die erzählte Geschichte von grundsätzlich destruktiven Ereignissen?
B=2
Können die Fragen 4 und 5 nicht eindeutig beantwortet werden? B=3
3. Positioniert sich die/der Ich-Erzählperson zu Beginn aktiv? C=1
Wird die/der Ich-Erzählperson zu Beginn (passiv) positioniert? C=2
4. Verändert sich die Position der Ich-Erzählperson (positiv) zu ihren
Gunsten? D=1
Verändert sich die Position der Ich-Erzählperson (negativ) zu ihren
Ungunsten? D=2
Bleibt die Position der Ich-Erzählperson unverändert (null)? D=3
Es können gewisse Geschichten nicht einer einzigen Erzählsituation (storyline) zugeordnet werden. Manchmal - selten - überlagern sich mehrere Erzählsituationen. Ein weiteres Problem tauchte bisweilen auf: Manchmal ist sich die Ich-Erzählerin nicht sicher, ob sie sich selbst aktiv postitioniert hat, oder passiv in eine Postition gedrängt wurde. Die Probleme wurden dadurch umgangen, dass bei solchen Spezialfällen mehrere Felder gleichzeitig markiert werden können (Fragen 3 und 6). So können die Merkmale der Thematik (A und B) im Extremfall alle gleichzeitig vorkommen, wenn sich in einer Erzählung verschiedene Erzählsituationen (storylines) überschneiden. Diese Erzählungen erscheinen dann nicht mehr innerhalb der oben in Tabelle XX aufgeführten 24 Kombinationen. Diese Erzählungen werden bei der Auswertung gesondert behandelt. Die übrigen Merkmale (Fragen 7-11) sind ausschliesslich, d.h. sie können nicht beide gleichzeitig vorkommen; die Entwicklung für die Ich-Figur ist eindeutig zu bestimmen, sie kann nicht positiv und negativ gleichzeitig sein.
Bei Unklarheiten im Zusammenhang mit den Einzelnen Kategorien können vielleicht die Definitionen im nächsten Abschnitt weiterhelfen. Für Fragen in diesem Zusammenhang stelle ich mich gerne zur Verfügung (roland.gasser@einblick.ch).
Eine Position ist zu verstehen als Konglomerat von Rechten, Pflichten und Verpflichtungen des Sprechens im Hinblick auf soziale Festlegungen in der Kommunikation (was, wann, von wem gesagt werden kann/darf/soll). Diese 'moralischen' Eigenschaften der Position sind lokal und zeitgeschichtlich unterschiedlich ausgeprägt und unterliegen einem steten Wandel.
Als Positionierung versteht man Prozesse des Einnehmens und Zuordnens von Positionen. Diese Prozesse verlaufen dialektisch, also wechselseitig. Das Einnehmen einer Position hat die Positionierung von anderen zur Folge.
Ein Erzählmuster ist eine typische Kombination von mehreren Merkmalsausprägungen. Merkmale beschreiben definierte Eigenschaften von Erzählungen.
Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die Erzählperson betreffend im Sinne der unmittelbaren Nähe aller beteiligten Personen. Es kann sich auch um innere, private und unsichtbare Vorgänge handeln. Es sind aber auch Ereignisse, die im engen familiären Rahmen von unmittelbaren Bezugspersonen sich ereigen (significant others).
Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Im Gegensatz zu persönlichen Ereignissen sind hier grössere Gruppen von zum Teil unbekannten Personen in einem öffentlichen sozialen Raum betroffen. Es kommen institutionelle Rollen ins Spiel (z.B. ÄrztIn,TherapeutIn, LehrerIn, SchülerIn, KollegInnen, Vorgesetzte, KundInnen, entfernte Verwandte).
Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Erhaltung oder einen Aufbau der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet.
Hier als Merkmalsausprägung der 'Situation': Die geschilderten Ereignisse sind grundsätzlich auf eine Veränderung oder Zerstörung der bestehenden sozialen, ökonomischen oder mentalen Verhältnisse ausgerichtet. Diese intendierten Veränderungen oder Zerstörungen sollen hier nicht moralisch sondern qualitativ gewertet werden. Destruktive Ereignisse können auch - im moralischen Sinne - positiv sein. Eine Anklage, eine Abweisung oder eine Forderung sind in einem gewissen Sinn destruktiv, da sie eine Veränderung wollen.
Hier als Merkmalsausprägung der 'Position': Die Ich-Erzählperson
positioniert sich zu Beginn der Handlung aktiv, das heisst sie nimmt gegenüber
den anderen Personen selbstständig eine Position ein.
| Auszüge aus der Lizenziatsarbeit "Erzählmuster in der Psychotherapie" der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich, copyright by Roland Gasser |
Anschrift des Verfassers:
Roland Gasser
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roland.gasser@einblick.ch