Genesis redux?
Ich lese gerne den Economist, viele seiner Analysen sind gut und informativ. Aber diesmal finde ich die naïv-liberale Haltung gegenüber einer potentiell äusserst gefährlichen Technologie völlig daneben. In seiner Ausgabe von letzter Woche, wie auch online, schreibt der Economist (hier ein Auszug):
Artificial lifeforms: Genesis redux
If synthetic biology is to take off as a technology, that is not merely good, it is essential. There will be a lot of trial and error in the process of creating new, useful organisms. Evolution by artificial selection is likely to prove almost as wasteful as the kind by natural selection. But there are those that worry about the proliferation of gene synthesis. Noting the propensity of computer-hackers to turn out what have been dubbed, by analogy, software viruses, they worry that hackers of the future may turn to synthetic biology and turn out real viruses.
It is a risk, no doubt. But almost all technologies can be used for ill as well as good. Approaches that can create pathogens to order can create vaccines, too—and it is not too rose-tinted to think that the will to do good, often harnessed to the desire to make money, will attract many more people than the dark side will. They could create new crops, new fuels, new ways of investigating diseases and new drugs to treat them. They might do other, wilder things as well.
(http://www.economist.com/displayStory.cfm?story_id=16163006)
Das ist in verschiedener Hinsicht unhaltbar. In ethischer, wie auch in wissenschaftlicher Hinsicht liegen die Journalisten vom Economist weit neben den Standards, die sie sich sonst setzen. Einerseits kann es nicht angehen, dass man ein solches Risiko (terroristische Machenschaften, oder einfach “Kunstfehler”) so einfach wegwischt mit der Bemerkung, es können dann ja Impfstoffe hergestellt werden. Das ist total blauäugig. Erstens haben wir letzten Winter gesehen, wie lange es braucht, solche Impfstoffe herzustellen, und vor allem auch unter die Leute zu bringen. Und zweitens: Wer genau kriegt denn die ersten Impfstoffe, wenn der absichtlich oder unabsichtlich entwickelte Killer-Virus sich ausbreitet? Hat der Economist schon mal etwas von Euro-Zentrismus gehört?
Hinzu kommt, dass der Titel völlig irreführend ist. Natürlich ist jedem klar, dass der Economist einen Begriff wie die “Genesis” nur ironisch meinen kann. Andererseits, wenn denn die Evolution gemeint ist, dann ist diese leichtfüssige Verzierung mit dem Zusatz “redux” – in Anspielung an Hollywood – ein Hohn, und schlichtweg falsch. Mutationen von Arten geschehen nicht auf diese Weise. Sie werden nicht “programmiert”. Es ist ein sehr langsamer Prozess, der über viele Generationen geht. Hier irrt der Economist, und wohl nicht nur er, so ist zu befürchten.
Es geht um viel mehr als ein bisschen Gentechnologie, wie wir sie bisher kennen, also etwa das “Schmuggeln” von fremden Genen in andere Organismen. Nun geht darum, ganze Organismen zu verändern. Solche Technologien können nicht einfach “open source” sein, in der Hoffnung, das “Gute” (also der “Markt”, an dem Geld verdient wird) würde es dann schon regeln. Sie müssen in einer modernen Gesellschaft verhandelt werden, und diejenigen die den Zugang zu solchen Technologien kontrollieren müssen demokratisch überwacht werden.
